Hochseefieber

Ruhe.

Ruhe vor Nachbarn, News und Smartphones. Das ist mein erster Gedanke, wenn ich gefragt werde, wie denn die letzte Überfahrt war. Neun Tage auf hoher See spiegeln sich vor allem in diesem einen Wort wieder. Ruhe. Wenn Kommunikation stattfindet, dann nur noch im kleinsten Kreis, mit der Crew und mit einem selbst.

 

Es dauert nicht sehr lange, bis man sich daran gewöhnt hat. Die Synapsen stehen dann nicht mehr unter dem üblichen Dauerfeuer und irgendwann bleibt auch der gewohnte Griff zum Handy aus. Entspannung macht sich breit im Kopf, nur gefolgt von Leere. Nicht die unangenehme Variante, eher die, die Platz schafft für Anderes. Dann beginnt man, der Welt um sich herum zuzuhören, dann beginnt man zu verstehen. Irgendwie.

 

Hunderte Meilen Wasser in alle Himmelsrichtungen, aber man beginnt Muster und Veränderungen in den Wellen zu sehen. Man lernt zu lesen, ob es alte oder junge Wellen sind, sanfte oder gewaltige und auch ob sie gut oder böse sind, die Launen der See. Oft wird gesagt, dass das Meer Emotionen mit sich nimmt, vor allem die Schlechten und Verzagten. Das Meer nimmt sie mit sich und den Menschen geht es besser, so oder so ähnlich lautet die Theorie.

Dabei ist nicht klar, was das Meer mit den Emotionen anstellt und ob es diese Negativität auswaschen oder irgendwo ablagern kann. Vielleicht schwimmen die entsorgten Emotionen auch obenauf wie weggeworfenes Plastik? Schwer zu sagen, doch im Endeffekt gleichbedeutend, denn der Glaube an die reinigende Wirkung bewirkt schon Linderung. Der maritime Placebo-Effekt.

 

Dennoch ist das alles Unsinn, wissen aufgeklärte Menschen. Wellen bilden sich durch Wind oder Erdbeben, Wind entsteht durch den Ausgleich von Hoch- und Tiefdruckgebieten und Wolken folgen auf Verdunstung. Physikalisch erklärbar, meteorologisch deutbar und Dank hervorragender Wetter-Apps auch für Laien anwendbar. Ein Segen für die Schifffahrt und ein Beweis für empirische Wissenschaften.

Und doch steckt mehr im Meer als Physik und Chemie, denn was passiert, wenn man weit draußen geräuschlos durch die Nacht gleitet, lässt sich nicht in eine Formel pressen. Es existiert keine Berechnung zur Vorhersage, wann die unsichtbare Nadel den unsichtbaren Ballon um den eigenen Kopf zum Platzen bringt. Man kann es auch nicht erzwingen, so wie wenn man versucht vorsätzlich zu niesen oder zu gähnen. Falls aber ein Geräusch dazu existiert, dann vielleicht ein *Plöpp* oder *Pfff* oder es klingt dabei wie ein Delfin, der bei spiegelglatter See die Wasseroberfläche durchbricht - bevor er prustend ausschnauft. Die Oberflächenspannung kollabiert und produziert einen Laut, wie ein umgedrehtes Schmatzen. Egal ob und wie es klingt, danach ist nichts mehr wie zuvor.

 

Die Welt wirkt anders, man selbst wirkt anders. Der Blick wandert vom Boot weg in alle Richtungen weil man versucht die Ausmaße zu begreifen. Die eigene Existenz wird immer winziger, während der Raum um einen herum immer endloser wird. Der Nachthimmel verschmilzt mit der See, Sterne leuchten und spiegeln sich und wären da nicht Wellen und deren Schaumkronen, es wäre fast unmöglich zu wissen wo oben und unten ist. Die Milchstraße erscheint wie ein Leuchtbanner, dick und fett, fast aufdringlich. Selbst ohne viel Vorkenntnis erkennt man große und kleine Wagen und das prägnante Sternbild Kassiopeia. Hin und wieder ein Satellit mittendrin, beinahe nicht hell genug um bei dieser Kulisse aufzufallen und Sternschnuppen, so zahlreich, dass man sich ernsthaft Zeit nehmen muss um an ausreichend relevanten Wünschen zu feilen. „dass die Wache jetzt schnell vorbeigeht“ liegt zwar erschreckend nahe, ist aber zugleich erschreckend unnötig.
Die Dekadenz der Wunscheinfalt.

 

Raumpatrouille Pantera geht nachts auf Erkundungsflug und selten war Schlafmangel schöner als jetzt. Der Himmel, oder auch das obere Schwarz, ist dabei manches Mal so klar, dass Navigieren nach Sternbildern sinnvoller und eleganter ist als mit dem Kompass. Das Wasser, also das untere Schwarz, ist nachts oft ruhiger als tagsüber und die Wellen weicher, fast soft. Pantera ist auf Schleichfahrt, und wenn sich nach einigen Nächten der geistige Horizont irgendwo zwischen Milchstraße und Golfstrom befindet, erscheint alles möglich und plausibel. Stellt man sich dann nur lange genug vor, auf einem großen Marshmallow durch einen Ozean aus Schokolade zu segeln, kann man nur hoffen, dass nicht einer von der Crew nach oben kommt und fragt warum man sich so verrenkt und gegen den Sicherungsgurt ankämpft um eine Hand ins Wasser, also in die Schokolade, zu stecken. Der Geist schwebt weit über dem Boot, über dem Raumschiff, über dem Marshmallow…und das tut gut.

 

Der Weg zu den realen, stets präsenten Fragen ist einfach zu weit und zu unbequem. Das ständige Hinterfragen nach Gründen, warum Menschen unhöflich, ignorant oder gleich rassistisch sind, bleibt aus. Man will auch nicht mehr wissen, warum der/die Eine den/die Andere(n) im Namen irgendeines Gottes tötet oder Drohnen im Namen des Guten, Krankenhäuser oder Hochzeiten in Schutt und Asche bomben. Man denkt nicht mehr an doppelt eingeschweißten Rucola, schwimmende Hotelkomplexe mit Kussmund am Bug und technisch optimierte Massentierhaltung.

Man vergisst, dass es für uns alle wärmer wird und, dass sich in wenigen Jahren viel verändert hat und sehr wahrscheinlich noch viel mehr verändern wird. Man schaut übers Meer und spürt die Gewissheit, dass dieser Planet sehr lange Zeit ohne die Menschheit zurechtgekommen ist, und auch ohne uns zurechtkommen wird - in welcher Form auch immer.

 

Gerade als die Fragen wieder aufkommen, kommt eine größere und schnellere Welle vorbei, bringt Unwucht ins Boot, pflügt einmal durch den vertrauten Schaukelrhythmus aber verzieht sich auch genauso schnell wieder in die Dunkelheit.

Wir sind ein paar Grad weiter vom Kurs abgekommen als normalerweise, aber schon nach wenigen Momenten hat der Chill-O-Maat (die Windsteueranlage) die Lage im Griff und Kassiopeia taucht wieder über Backbord auf. Mehr brauche ich nicht zu wissen, setze mich und lasse meinen Geist wieder von der Kette.

Ich frage mich nach einer Weile, ob man Marshmallow-Segel eigentlich essen kann, als Sonja im Niedergang erscheint. Zeitgefühl habe ich gerade keines aber vermutlich beginnt gleich Ihre Schicht oder die Welle hat Unruhe unter Deck verbreitet.
„hey Käp´n! Sag mal schläfst Du wieder auf Wache?“ ist der erste Satz, der hier draußen seit drei Stunden gesprochen wird und dennoch habe ich das Gefühl als hätte ich mich stundenlang unterhalten.

 

„Schlafen? Hier draußen? Ganz sicher nicht.“

 

 

 

 

 

 

 

Nautisches:

Unser ursprünglicher Plan mit dem Zielhafen Coruna in Nordspanien war wettertechnisch kaum zu machen und so war nach einigen Planänderungen klar, dass der Raum um Lissabon realistisch für unser Zeitfenster ist. Nach zwei ruhigen und fast windstillen Tagen, an denen wir auch nachts aufgrund der bizarren Lautstärke, keine Motivation hatten, den Motor anzuwerfen, schickte uns gemächlich einsetzender Nordwestwind auf Kurs. Vom dritten Abend an, setzten dann die ersten Passatvorläufer ein und droschen Pantera bei halbem Wind in die richtige Richtung, lediglich von zwölf Stunden Tiefdruckgebiet inklusive Ostwind unterbrochen. Seit Mitte Juli liegt die Dicke jetzt in Lissabon.

 

Kurz gesagt: Es war nicht immer Genusssegeln aber es war ein Fest!

 

Vielen Dank an alle, die mitgefiebert und uns von Zuhause aus unterstützt haben und Vielen Dank für eine Crew, die Ruhe an Bord erst möglich gemacht hat.

 

Ich freu mich, die nächsten Meilen warten schon!   

 

 

 

zum Schluss:

Lars kann man hier supporten: http://kapitaenohlsen.de, außerdem hat er noch einige exzellente Bilder beigesteuert, unter anderem das Titelbild!

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Ponta Delgada

Eine Marina, wie sie im Atlantik oder auch im Mittelmeer üblich ist, entspricht meist mehr als nur einem Parkplatz für Boote. Oftmals sind die Marinas großflächig und manches Mal geradezu absurd riesig angelegt im Vergleich zum Hauptort. 

In der kulturellen Hauptstadt der Azoren, Ponta Delgada, haben die Ausdehnungen der Marina in den letzten Jahrzehnten auch immer weiter zugenommen. Wellenbrecher wurden erweitert,  Kreuzfahrtanleger vergrößert und neben die alte Marina wurde eine mehr als doppelt so große, neue Marina gebaut. Die Hafenplaner denken groß hier.

Verständlich, denn das Interesse an den Azoren ist in Seglerkreisen traditionell hoch, wächst zudem jährlich durch immer größer werdende Segelveranstaltungen wie der (ARC) und Regatten in und um die Azoren herum (AZAB). 

Es können hier mehr als 600 Schiffe festmachen, meist nicht nur einzelne Skipper sondern mehrköpfige Crews und so gleicht der Hafen in der Hochsaison mehr einem Vorort oder einem kleinen Stadtteil. Die Stege werden zu Stichstraßen und die Liegeplätze zu gutbürgerlichen Reihenhäusern, nur dass beinahe jeder Nachbar eine andere Fahne gehisst hat.

Wenn man dagegen den Winter in der Marina Ponta Delgada verbringt, ist das wie in einer kleinen Geisterstadt. Nicht etwa, weil Ponta Delgada ausgestorben wäre, nein, die ursprüngliche Stadt bleibt vom Verwaisen verschont. Dort herrscht dieselbe Betriebsamkeit mit Märkten, Festen und vollen Restaurants. 

Die Marina jedoch ist wie leergefegt, zumindest was Menschen angeht, denn gut ein Drittel der Liegeplätze ist nach wie vor besetzt - nur ohne Besatzung. Eine Geisterstadt mit Geisterschiffen.

Bewegung herrscht noch immer, alles knarzt und klappert wo es nur kann, aber gesprochen wird nicht mehr. Unzählige Male trifft man auf dem Weg zur Dusche und zurück nicht einen einzigen Menschen, dafür vielleicht einen sechsbeinigen Insektenfreund beim Erkundungsrundgang. Im Winter muss hier jeder schauen, wo er bleibt.

Die wenigen Segler, die hier ausharren, kennen sich schnell untereinander. Über das Wetter spricht man zuerst, natürlich, anschließend über die Dünung, die die Stege manchmal zu kleinen Achterbahnen macht und dann über den besten Verkäufer für neues Tauwerk. Selbstläufer, man sitzt ja fast im selben Boot.

Und da liegt manchmal auch das Problem. Bootleute reden über Bootssachen, „boatpeople talk boatstuff“. Bootstypen, Rigg, Ankerplätze, Equipment…Segelbedingungen gehen immer, und dass die Wellenhöhe bei jedem neuen Gesprächspartner um einen Meter zulegt, ist ungeschriebenes Gesetz. Soweit so unproblematisch, doch das Resultat ist eine Filterblase.

Die Filterblase verlässt man meist erst, wenn man mehr Zeit an einem Ort verbringt. Mehrmals auf verschiedenen Stationen unserer Reise ist das nun schon passiert, doch Ponta Delgada war anders. Wir hatten nicht vor, hier den Winter zu verbringen. Der Hafen ist in bestimmten Lagen keineswegs tauglich für schweres Wetter. Das Leben an Bord wird zur Waschmaschine und das Material reißt und bricht wo es kann. Umso froher waren wir, als wir im Februar endlich einen Platz an Land ergattern konnten ohne zu wissen, dass in diesem Moment die Filterblase platzt.

Es war zunächst, wie die Male zuvor: Boot kranen, Hochdruckreinigen, Schäden suchen, ausbessern, schleifen, streichen und so weiter. Nur diesmal bekamen wir Unterstützung in Mannschaftsgröße. Ob Adapter für Anschlüsse, Strom, Werkzeuge, Werkbanken, Besorgungsfahrten und sogar die Einladung zu sonntäglichem Tintenfischeintopf, die Menschen dort hatten einfach Lust uns zu helfen. Jeder von ihnen hatte seine eigenen Arbeiten zu erledigen und dennoch war immer genug Zeit um zu fragen, ob bei uns alles passt. Es war auch die Zeit, in der wir ein Stück weit in die Gesellschaft auf der Insel reingerutscht sind. Jeden Tag haben wir dabei mehr Leute kennengelernt und wurden von mehr Leuten gegrüßt. Manches Mal ging die Unterhaltung aus mangelndem Portugiesisch unsererseits nicht über Höflichkeiten hinaus, und manches Mal sitzt man plötzlich mit Hund auf dem Schoß in einem Pickup in Richtung Mini-Baumarkt und unterhält sich über Flugangst. Alles geht und mit der Zeit, stellt sich ein fast vertrautes Gefühl ein. Es fühlt sich dann irgendwann nicht mehr an, wie eine entfernte Inselgruppe mit fremden Menschen, sondern ein ganz klein wenig wie Zuhause. Zwar nie ganz wie Zuhause, aber auch nie mehr ganz fremd.

Einmal so über die Azoren zu sprechen, hätte ich mir vor wenigen Jahren nie vorstellen können und jetzt ist es so, dass ich auch hier ein Stück Erinnerung zurücklasse. Jetzt ist es wieder so, dass man viele Tage und Monate an einem einst fremden Ort verbracht hat und wehmütig wird. Man weiß nicht, ob man jemals wiederkommen wird und ob man manche Menschen jemals wiedersieht. Genauso wenig, wird man sich an alle Details und Straßenzüge für immer erinnern können oder wissen, wann wo welcher Bus fährt…aber das Gefühl zu dieser Zeit, wird man nie mehr vergessen.

Und so wird auch klar, dass geplatzte Filterblasen manchmal mit einem Abschied bezahlt werden müssen, der nicht leicht fällt aber Teil der Abmachung ist.

 

Danke Azoren, Obrigado Acores. Es war wunderbar.

 

 

 

 

Nautisches:

Wir fahren sehr wahrscheinlich am 30.06.19 gegen mittag los und sind zwischen 7 und 10 Tagen unterwegs. Kurs Richtung Osten, und weil wir keinen absolut festen Zielhafen haben, nehmen wir was der Wind uns zu bieten hat. Das heißt von Coruna, Porto, Lissabon oder sogar Cadiz ist alles drin, wobei wir versuchen werden uns nördlich zu halten.

Der Tracker ist unter „Peilung“ zu erreichen oder hinter diesem Link:

https://share.findmespot.com/shared/faces/viewspots.jsp?glId=0WkEp4jn7qF9FovyGK7BB4kVKLT4n83Uv

 

Und nicht vergessen, wenn das Signal mal für einige Zeit ausfallen sollte, heißt das gar nichts. Lediglich, dass der Tracker vielleicht gerade stromlos ist oder er kein Signal bekommt.

Sollten wir Schwierigkeiten haben, haben wir ganz andere Kaliber um auf uns aufmerksam zu machen (https://de.wikipedia.org/wiki/Notfunkbake) und selbstverständlich haben wir alle sonstigen Vorkehrungen getroffen.

Das bedeutet, der Tracker soll zur Info und zur Unterhaltung dienen und nicht dazu, sich Sorgen zu machen!

Enjoy!

 

 

 

 

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Die Azoren - Wandelbares Wunderland

Die ersten Tage auf den Azoren sind ungewöhnlich, für mich vor allem deshalb ungewöhnlich, weil sich bei mir kein echtes Wohlfühlen einstellen will. Ich weiß nicht genau, was los ist, ich weiß zwar, dass ich froh bin angekommen zu sein – unverletzt, ohne große Schäden am Boot und sogar noch nach Plan, aber irgendwas stimmt nicht. Hier oder mit mir…oder beides.

 

Jetzt, ein halbes Jahr später und nachdem wir nochmal einige Zeit zurück in Deutschland waren, erkenne ich was los war.

 

Ich habe gefremdelt.
Das ist dafür wohl das schlechteste Wort aber auch das Einzige, was es annähernd beschreibt. Auf See war ich aufgeregt und erschöpft und übermüdet… und dann irgendwann ruhig. So ruhig, dass ich keine Bedenken mehr hatte.  Die ewigen Bedenken, etwas vergessen oder übersehen zu haben, verschwanden einfach mit der Zeit auf dem Meer. Wasser, Wind und Wellen entziehen sich ohnehin unserer Gewalt, und genauso zerschellt an ihnen auch jede Form von Lob oder Kritik. Und so akzeptiert man die Elemente, wie sie sind und…wenn alles gut läuft, akzeptieren die Elemente auch zurück. Man verliert alle Erwartungen und wird frei. Frei im Kopf und ruhig im Herz.

 

Jetzt an Land ist alles anders, und zwar nicht nur als auf See, sondern auch als an Land zuvor. Es sind nicht nur, mir unbekannte Inseln, es ist auch ein anderes Klima, eine neue Sprache und eine andere Kultur. Klar, Portugal und Spanien trennen keine Welten und es gibt etliche Ähnlichkeiten, doch Spanien ist in all der Zeit zu meiner, zu unserer Komfortzone geworden.
Das Essen, die Menschen und eben auch die Sprache, sind uns ans Herz gewachsen.
Das Alles fehlt mir hier, viel mehr noch, es ärgert mich sogar ein wenig und das ist völlig bizarr.

 

Die Realität könnte nicht gegensätzlicher sein.
Wir haben zwar erst drei der neun Inseln besucht - Sao Miguel, Santa Maria und Terceira, aber eines ist schon völlig klar:
die Inseln sind unglaublich!
Die Natur strotzt hier nur so vor Energie. Alles was hier existiert, existiert absolut.
Die Pflanzen wachsen hier ganzjährlich ihrem Maximum entsprechend, und das bedeutet nichts Geringeres als Urwald. Dort, wo der Mensch ihm nicht seinen Lebensraum einschränkt, macht der Urwald was er will und das heißt: grün-grün-grün. Überall.
Soweit so nachvollziehbar, denn an Sonne und Regen mangelt es schließlich nicht und, dass die beiden Kontrahenten sich ein Dutzend Mal am Tag abwechseln, schadet zwar Wanderdeutschen aber nicht der Flora.

 

Die Sonne, der Himmel, die Wolken, die Wellen…all das ist so satt hier. Satt und voller Energie. Selbst die Luft ist feucht und geradezu dick vor lauter Frische, außer man kommt dem Vulkanismus zu nahe, denn dann ist der Schwefelgeruch auch so stark, dass man ihn noch Stunden später schmecken kann.  Vulkanschlote erhitzen die See und das Land, liefern Energie, Entspannung oder Eintopf. Drum herum strahlt die Landschaft in unzähligen Grüntönen, blüht wo sie blühen kann und versorgt die Menschen mit Obst und Gemüse und das Vieh mit Weideland. Ob Milch, ob Käse, ob Wein, ob Ananas es ist alles da, “man muss nur einfach a weng guck“ und als Sonja diesen Satz einmal sagt, wusste ich noch nicht, wie gut er zu den Azoren passt.


Das angepriesene Schwachwindgebiet suchen wir hingegen vergeblich. Im Sommer mag das stimmen, doch im Herbst und Winter pflügen hier die Stürme durch, dass die Kanaren zur selben Zeit zum Schönwetterrevier mutieren. Zu den Wetterwechseln gesellen sich Erdbeben, oft lokal und nur auf Teilen der Inseln zu spüren, dafür aber umso zahlreicher – so wurden allein im letzten Februar mehrere hundert kleinere Erdbeben auf Sao Miguel gemessen. Plattenverschiebungen bewegen die ohnehin so bewegte Azorenwelt und bilden das Fundament für die neun Inseln und ihre mehr als zwei Dutzend Vulkane. Während die östlichsten Inseln Flores und Corvo auf der nordamerikanischen Platte liegen, befinden sich die übrigen Azoreninseln auf der eurasischen Platte und werden nicht nur durch hunderte Seemeilen Atlantikwasser getrennt, sondern entfernen sich auch noch voneinander - 5 Zentimeter jedes Jahr.

Bewegtes Land. Bewegte Menschen.

 

Die Azoreaner leben in ständigem Wandel, den Elementen und deren Launen ausgesetzt und immer in dem Bewusstsein, dass ein Moment zwar nie lange andauern muss…aber andauern kann. Sie haben sich daran gewöhnt, die stete Veränderung ist Teil ihres Lebens geworden, unmerklich wie das Atmen. Sie wirken als wüssten sie, dass nicht immer die Sonne scheint aber eben auch, dass es nicht immer regnet und womöglich macht sie das frei. Freier und ohne Erwartungen an gute oder schlechte Zeiten. Man merkt ihnen das an…oder…man merkt uns das an? Azoreaner, wir oder alle Menschen? Die Grenzen verschwimmen, sind hier ohnehin nutzlos und so wird klar, worum es geht.

Nicht um Gleichgültigkeit sondern um Akzeptanz.

 

Kurz bevor wir wieder nach Deutschland und in die Vorweihnachtszeit fliegen, stehen wir auf dem massiven Wellenbrecher im Südwesten des Hafens von Ponta Delgada und beobachten das Erbe des letzten Sturms. Schäumende Wellen, meterhohe Gischt und im halbminütigen Takt das dumpfe Einschlagen der Wellen unter uns. Wenige Stunden später ist der Spuk vorbei, es ist sternenklar und eine der ruhigsten Nächte überhaupt. Wandelbares Wunderland.

 

Ob wir auf den Azoren sind oder nicht, verändert weder das Land noch die Leute und ist hier nur ein Wandel von vielen. Bei uns aber hinterlassen die Eindrücke Spuren, die tiefer gehen und uns manchmal Zuversicht schenken oder manchmal die Schultern zucken statt hängen lassen.
Hab ich gefremdelt oder nur nicht verstanden? Ich weiß es nicht, vielleicht beides…aber sicher ist, wenn wir wiederkommen, werden Corvo und Flores wieder ein Stück weiter weg sein.

Frohe Festtage an alle oder wie die Azoreaner sagen “Boas Festas“ (port.: Boasch Feschtasch)

 

Eure Crew 

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Genusssegeln

Genusssegeln.
...schreibt man mittlerweile mit etlichen “s“ am Stück, kommt mir in den Sinn.
Viel Sonne, stabiler Wind, wenig Welle.
Moderates Krängen, kaum Böen und wenn dann nur leichte Dünung. Der Himmel weißblau, die Klamotten ebenso – weißes Hemd und weiße kurze Hose, maximal hellblau. Ebenso weiß das Bier im Biergarten danach oder warum nicht gleich an Deck oder im Cockpit, kein Problem bei so angenehmer Minimal-Schräglage.
Genusssegeln eben.
Gefüllte Weißbiergläser vor malerischer Kulisse, im Cockpit herrscht ausgelassene, sich zurücklehnende Stimmung. Es wird gelacht und heiter geht’s zu, hier bei uns in Baye…WOMM!

 

Ich öffne die Augen und merke wieder wo ich bin. Ein paar Minuten zwischen Schlaf und Nicht-Schlaf, vorbei der Genuss, so war es öfter in den letzten Tagen. Es ist dunkel, ich bin unter Deck und bis auf ein paar schwache Kontrollleuchten (das wären dann drei “l“) ist nichts zu sehen außer der unmöglich zählbaren Anzahl an wackelnden und schwingenden Gegenständen. Jacken versuchen zu trocknen, Gemüse versucht nicht zu schimmeln und Michel versucht zu schlafen. Dieser sogenannte Schlaf wurde zum etlichsten Mal unterbrochen, diesmal von einer höheren oder in zu kurzem Abstand anrollenden Welle, diagnostiziere ich, denn das Vibrieren des Rumpfes hallt immer noch nach. Es ist ja nicht das erste Mal, dass es so wummert. Seitdem wir losgefahren sind und den Kurs lediglich zwischen “Am Wind“ und “Hart am Wind“ wechseln, knallt, wummert und dröhnt es unter Deck immerzu. Mal etwas weniger und mal etwas mehr aber eigentlich die ganze Zeit.
Drum ein Blick auf die Uhr: halb drei Uhr nachts.

Jetzt ist`s eh egal, kann ich auch genauso gut aufstehen. WOMM!
Ja, genau.

Ich verkeile mich in mittlerweile gewohnter Weise so, dass ich beim Anziehen von Klamottenschichten und Ölzeug nicht ständig durch die Gegend fliege und grantel´  vor mich hin: „Am Wind segeln sollte es sein, nicht irgendwie raum oder gar achterlich, sondern schön am Wind immerzu. Am liebsten richtig HART AM WIND!“ Den letzten Satz schreie ich schon fast und Lars blickt eher zufällig zum Niedergang herunter, gehört haben wird er oben nichts bei dem Wind.

„Ey Michel, das musst Du Dir reinziehen, das ist die coolste Nachtwache überhaupt!“

Und tatsächlich, sobald ich auf Deck bin, bin ich wieder in einer anderen Welt.
Schlagartig weicht die ruppige, irgendwie aggressive Atmosphäre einer gänzlich anderen. Hier oben ist der Wind angenehmer, die Wellen verträglicher und der Lärm weicht einer gewissen Melodie, ja vielleicht sogar Harmonie.
Und es dauert ein bisschen, bis ich verstehe was Lars damit meint, und zwar solange bis sich meine Augen daran gewöhnt haben. Ich ahne es, also schalten wir sämtliche Lichter aus, auch jegliche Beleuchtung und dann: Uff.

 

Wir haben einen Schweif.
Pantera ist ein kleiner Komet!

Zugegeben ein ziemlich langsamer, aber genauso wie ein Komet, haben wir jetzt einen Schweif. Es leuchtet um uns herum blassgelb oder grünlich oder auch ein wenig bläulich…ich weiß es nicht genau, aber es ist unglaublich. Jede kleine Gischt und jede kleine Welle bilden einen Leuchtteppich, manchmal sogar an Deck, wenn eine Welle über den Bug geht und das Wasser dann bis zum Heck hin fließt. Sprachlos.
Wir stehen mitten in der Nacht im Cockpit und sind einfach sprachlos.

 

Weit und breit ist niemand, zumindest kein anderes Schiff, sehr wahrscheinlich auch kein anderer Mensch. Im AIS ist nichts zu sehen, der Funk ist schon seit Stunden still und es ist absolut finster, geschlossene Wolkendecke, kein Mond und keine Sterne…aber wir leuchten! 
Wie muss das bloß von oben aussehen, frag ich mich und stell mir das einfach solange vor, bis ich es irgendwie fast sehen kann. Ein kleines Boot, mitten auf dem Atlantik, zieht eine Lichterkette hinter sich her...und zieht und zieht und zieht.

Der mangelnde Schlaf, die steifen Knochen und die Strapazen durch den Kurs, das alles ist weg. Ich setz mich und schau in Lee bis über den Bug und grins einfach vor mich hin, stundenlang. Und dann wäre es tatsächlich schöner, wenn der Tag sich noch etwas gedulden würde.

Danke, Plankton.
Danke, Leben.
Danke.

 


Vor zehn Tagen sind wir von Teneriffa aus gestartet und nach Zwischenstopp auf Madeira, kaputt aber gesund in Ponta Delgada auf Sao Miguel angekommen.
Der nächste Am Wind-Kurs kann jetzt erstmal warten.
Bom dia Acores!


 

 

 

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Warten auf das Meer

Warten auf das Meer

 

 

Wir warten darauf loszufahren. Innerlich.

Äußerlich arbeiten wir jeden Tag Listen ab, wie jedes Mal wenn eine längere Tour ansteht, diesmal steht doch die längste bisher an. Doch irgendeine Tour ist ja immer die längste oder aufwendigste oder neueste, irgendein Projekt ist immer das *zigste. Man kennt das ja.
Doch das ist mein Projekt, unser Projekt.

 

Körperlich, klar. Es ist jeden Tag anstrengender als am Tag zuvor, doch der Antrieb ist jeden Tag da, von ganz allein. Wir haben uns das selbst ausgesucht. Wir haben uns für diese Tour entschieden und darum steht nach jedem noch so zehrenden Tag nicht Frust sondern Zufriedenheit und meist folgt direkt darauf ein Lachen, wenn wieder über die Blessuren des Altwerdens auf einem Segelboot schwadroniert wird – wer schlimmer dran ist, gewinnt.
Wettkampf ist ja immer irgendwo.

 

Seelisch ist anders.
Als Sonja vor einigen Wochen zurückgeflogen ist, haben die Erinnerungen begonnen. Erinnerungen an unsere Zeit in Santa Cruz, Teneriffa und den anderen kanarischen Inseln. Und irgendwie auch an die ganze lange und wunderbare und wunderbar anstrengende Zeit an Bord. Dann bin ich zurück zum Boot und alles war leer.
Wir haben alle lange darüber nachgedacht und geredet und wir waren uns alle einig. Die Idee war gut, ist gut…aber die Leere die Sonja hier an Bord hinterlassen hat war überall. Über all die Zeit, die Arbeit am Boot und die Seemeilen sind wir wie eine Kommune geworden. Eine schwimmende 30m² - Kommune an der so viele Menschen so unglaublich mitgeholfen haben und jetzt…fehlte jemand aus dem innersten Zirkel und hat dabei so viel mitgenommen.
So viel Erfahrung, so viel Interesse, so viel Hingabe und so viel Liebe zu diesem Leben auf dem Boot und so viel Lachen.
Und was blieb war Leere.

 

Die nächsten Tage wurde kaum geredet. Wir waren nicht mehr komplett und Lars muss es ebenso gefühlt haben, denn manchmal versteht man sich am besten wenn man nichts sagt…also haben wir gearbeitet. Abgearbeitet und vorbereitet und Dinge gemacht, die Sonja uns aufgetragen hat oder von denen wir glaubten, dass sie nur versäumt hat sie uns aufzutragen oder weil wir glaubten, dass sie sich darüber freuen würde.

Und so haben wir weitergemacht und Pantera wieder mal von innen nach außen gedreht, zerlegt, gefettet und wieder zusammengebaut. Wie jedes Mal dabei Neuland entdeckt, das wiederum für unmöglich gehalten und dann weiter gemacht. 
Wir haben weitergemacht, weil wir es alle so entschieden haben und wir haben Pantera für ihren nächsten längsten Schlag seefest gemacht.

Wir haben das Rigg ausgetauscht, den Funk erneuert, AIS eingebaut, eine EPIRB Boje besorgt und Ersatzruder für die Windsteueranlage gebaut und gebaut bekommen (Danke Häns!). Pantera hat jetzt so viel Batteriekapazität, Wasser, Diesel und Essen eingelagert, wie sie noch nie zuvor gehabt hat und jetzt ist´ s auch wieder mal gut!

Irgendwann muss die Vorbereitung mal aufhören und irgendwas darf dann auch mal nicht mehr erledigt werden. Wenn es so läuft, wie wir uns das vorgenommen haben, legen wir Morgen (28.04.18) Vormittag ab und wenn nicht…tja was ist dann wenn nicht?
Dann merk ich einmal mehr, was die Menschen immer meinen, wenn sie von der grenzenlosen Freiheit auf einem Segelboot reden. Wenn wir nicht am Samstag fahren, dann fahren wir am Sonntag oder erst übernächste Woche! Und wenn´  s uns zu bunt wird, dann fahren einfach gar nicht auf die Azoren, sondern eben ganz woanders hin!
Und wenn und wenn…ja das ist die Freiheit von der man spricht, und es gibt sie da draußen wirklich.

Die Welt wird sich wie gewohnt weiterdrehen, egal ob wir den halben Atlantik besegeln oder nicht. Drum passt auf Euch auf und schaut mal auf den Tracker, wenn ihr mögt…und Sonja, wir sehen uns auf den Azoren, du fehlst hier.

 

Eure Crew

 

 

 

zur Nautik:

Direkt von hier auf die Azoren dauert es für uns zwischen 6 und 8 Tagen, kann man aber nie genau sagen.

Sollte es das Wetter bzw. der Wind oder andere Gründe verlangen, werden wir über Madeira segeln.

Das muss aber kein Notfall sein, also falls der Kurs sich ändert oder der Tracker mal nicht sendet, heißt das nichts Außergewöhnliches.

 

Link zum Tracker

 

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el Hierro

El Hierro

 

Ich sitze am Steg.
Sitze einfach nur da…Beine ins Wasser, Quesadilla in der Hand und schaue mich um.
„Da ist halt echt ein bischen Anis drin“ denke ich mir, wie schon zigmal zuvor in den letzten Wochen und betrachte dabei kleine Wolkenfetzen. Sie düsen an der Steilküste entlang auf uns zu, nur um dann kurz vor dem Hafen weiter nach oben abzudrehen in Richtung Valverde. Da war ich gerade eben, bin noch einmal allein durch die, jetzt schon vertrauten Gassen, hab ein paar Dinge erledigt und mich verabschiedet. Irgendwie.
Denn Morgen soll es wieder weitergehen, der beinahe-Orkan, der die Insel in seiner Gewalt hatte, ist nach drei langen Tagen endlich weitergezogen und die Sausewolken sind wohl sein allerletzter Gruß zurück. Als nächstes widmet er sich Madeira und den Azoren und prüft deren Schwerwettertauglichkeit. Bis morgen soll sich hier auch die See wieder beruhigt haben und so machen wir uns auf den Weg nach Teneriffa, es gibt schließlich zu tun!
Die Windsteueranlage muss betriebsbereit sein, das Rigg größtenteils getauscht werden und…und…und…
„…sind halt auch einfach nicht zu süß! Und die Konsistenz!“ drängt sich mir beim nächsten Bissen auf. Meine Füße sehe ich hier genauso klar, wie den Meeresgrund. Klares, hellblaues Hafenwasser leuchtet um mich herum und mir fällt auf, dass ich an einer Hand abzählen kann, in wie vielen Häfen ich freiwillig meine Füße ins Wasser stecke.
Gerade als ich beobachte, wie die eintretenden Wellen die wenigen Boote im Hafen rollen lassen und mir überlege, ob man das wohl in Deutschland nachbacken kann…bemerkt Sonja meinen Blick, unterbricht ihre Lackierarbeit und ruft über die Box: „hey Käp´n, was machst du denn da drüben?“
Da merke ich erst, dass es darauf keine einfache Antwort gibt:

 

Einsamkeit.
Einsamkeit ist das erste, was sich einschleicht, wenn man länger auf el Hierro bleibt. Keine akute, keine die plötzlich kommt aber auch keine, die schnell wieder verschwindet. Sie schleicht sich ein, über Tage und ohne Unwohlsein. Weniger Gespräche, weniger Interaktionen…auch weniger Fragen und weniger Konflikte. Weniger Menschen.
Es wirkt wie eine soziale Entziehung, doch sie macht keine Angst, denn zugleich wird man zu einem kleinen Teil der Insel. Man kennt sich bald. Den Busfahrer, den Hafenpolizisten und die Quesadilla-Bäckerin. Und dann wird man erkannt…ist gemeinsam einsam.

Hierher kommen keine Menschen, die Unterhaltung suchen oder Strände oder “Kitesurfparaglidecanyoning“-Trips…hierher kommen Menschen, die Ruhe suchen, Ursprünglichkeit, Ehrlichkeit oder Wahrheit. Vielleicht sogar sich selbst.
Ohne lange Strände und große Hotels mit noch größeren Brunchbuffets wird es schwer für effizienten Tourismus. Wo Goldküste, Vergnügungsmeile und Shoppingcenter fehlen, fehlt auch meist der Kreuzfahrtanleger.
Hier wurde nichts angepasst, nichts vermeintlich verschönert.
El Hierro, die Ungeschminkte.

 

Diese Natürlichkeit vereinnahmt völlig…und entlohnt.
Hier gibt es keinen höchsten Berg, längsten Sandstrand und keine noch bunteren Obstgärten. Hier sucht man lange nach Superlativen, denn man findet die, nach denen man nicht sucht. Sie ist die kleinste, ruhigste und unbeliebteste – zumindest bei den Touristen, und obwohl sie nicht viel weiter von Ihren Schwesterinseln entfernt liegt, ist Sie die Einsamste. Die Andere.


Viele Canarios sprechen voller Bewunderung über die Herreños, die vielleicht zähesten Bewohner des Archipels. Von der Abgeschiedenheit und den Elementen geprägt, verlieren viele ihre Kinder an die größeren und attraktiveren Inseln wie Teneriffa und Gran Canaria mit ihren Universitäten und besten Verbindung zum europäischen Festland. Wer bleibt, härtet ab…aber wer bleibt, bleibt auch er selbst. Höher, schneller oder weiter, hat auf Hierro keine Bedeutung. Leistung und Konsum sind nutzlos, wenn der Atlantik an die Haustür klopft. Fluch und Segen zugleich, fordert er Tribut aber bietet auch Schutz…vor dem Rest der Welt.


Widerstand und Unabhängigkeit bestimmen den Alltag und formen das Bild der Insel und der Menschen. Seit fast dreißig Jahren, versucht die spanische Regierung eine zivile Raketenbasis und eine Radarfrühwarnanlage auf der Insel zu installieren, doch wer vom Atlantik lernt, der lernt fürs Leben und so scheitert Madrid regelmäßig mit großer Mehrheit am Inselrat. Im Einklang dazu wird die vollständige Versorgung mit regenerativen Energien seit einigen Jahren weiter vorangetrieben und als im August 2015 das erste Mal für vier Stunden die gesamte Insel mit Windenergie betrieben wurde, kam das einem Feiertag gleich. (Derzeitiger Rekord: 18 Tage in Folge)

Widerstand und Unabhängigkeit stehen oft für Verbitterung und Ablehnung, auf el Hierro stehen sie für Selbstbewusstsein und Verantwortung. Die Menschen biedern sich nicht an, sind aber unglaublich aufgeschlossen und respektvoll, wenn sie Interesse erahnen und unser Interesse ist groß.
Wir wandern durch die nördlichen Hochebenen, bestaunen die schroffe Küste vom Golfo-Tal und baden im Charco Azul…wir stehen auf dem Gipfel des Malpaso und sehen Palma, Gomera und den ewigen Teide…wir segeln entlang der steilen Ostküste, vorbei am Roque Bonanza und bestellen in Valverde Mojo Queso mit Rotwein von der Insel. Wenige Tage vor unserer Abreise fahren wir zum westlichsten Punkt der Insel und dem bislang westlichsten Punkt unserer Reise, dem ehemaligen Nullmeridian.

Das Ende der alten Welt.

 

Erst als ich dort stehe und mir dieser Titel immer wieder durch den Kopf geht, erkenne ich die Bedeutung dieser Worte. Für mich.
El Hierro war das Ende der alten Welt und ist es immer noch, denn wie das Leben hier ist, so war es – aber ist es nicht mehr.


Was man hier sieht, riecht und fühlt ist echt und dieses Gefühl färbt irgendwann auch auf uns ab. Wenn ich uns von außen betrachte, wirken wir anders auf mich. Wenn wir wandern, reden oder lachen, dann wirkt das auf mich unmittelbarer und direkter. Ohne Filter.


Und so kann ich nur antworten, was mir wirklich durch den Kopf geht. Die Wahrheit.

 

„...ich will hier nicht weg.“

 

 

 

 

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la Palma

Ich bin wie so oft zuvor irgendwie aufgeregt und angespannt, als wir aus dem Hafen auslaufen...auch ein wenig euphorisch, denn jetzt sehen wir, ob sich die Arbeit der letzten Wochen auszahlt oder ob wir was übersehen haben. 

 

Das Meer ist ruhig und unser Diesel tuckert gleichmäßig vor sich hin. Motor: Check!

Bald kommen wir ans Südkap von la Palma und raus aus der Landabdeckung, da werden wir Segel setzen mit direktem Kurs auf el Hierro und abermals merken ob alle Vorbereitungen auch für strammere Winde ausreichen.

Als ich über das Heck von Pantera hinaus schaue, sehe ich wie die Insel in unserem Kielwasser immer kleiner wird. Anfangs können wir noch einzelne Orte erkennen, manche haben wir besucht oder von Ihnen gehört, manche nur von weitem und namenlos gesehen und manche werden wir vielleicht nie kennen lernen...und doch bin ich nicht traurig, ich bin froh von la Palma gesehen und erlebt zu haben, was wir gesehen und erlebt haben.

 

Die Insel hat uns so mit Sonnenschein verwöhnt, dass es mir mehr als einmal unfair vorkam, nicht etwas davon abgeben zu können. Wir haben soviel grün, rot, orange, blau, lila in so vielen verschiedenen Formen gesehen, dass ich mich manchmal frage ob diese Insel eine Seele hat und sich für uns extra ins Zeug gelegt hat. Wir haben den weiß verschneiten Gipfel gesehen, uns kurz wie eine kleine Bergexpedition gefühlt, dem Teide auf Teneriffa Respekt gezollt, und kurz darauf tiefes Schwarz erlebt. Schwarz, wie es im Hochgebirge wirkt, wenn das letzte Licht in hellem und dunklen Blau am Horizont verschwindet und einen umfängt. Fast greifbar und fast bedrohlich. Gerade so lange bis die Sterne mit ihrem Werk beginnen. So hell und so viele, dass ich mir nicht sicher bin, ob die Sterne sich vor Lichtverschmutzung zurückziehen oder ob hier gerade das Gegenteil der Fall ist. 

Wir erleben hier, wie völlig fremde Menschen in kurzer Zeit zu Bekannten, zu Freunden werden, uns tatkräftig mit Werkzeug und Fachwissen unterstützen und noch dazu die Insel zeigen. (Tausend Dank, Anne und Peter!)

Marineros und Varaderos helfen uns ebenso uneigennützig, stellen uns Strom und Arbeitsfläche zur Verfügung und für uns werden die geltenden Regeln für die Bootsrenovierung, sagen wir, "gedehnt".

Zweimal fahren wir für kurze Touren einige Meilen vor die Küste und werden von Delfinen in Ihrem Territorium empfangen. Beide Male! Wir verwehren uns nicht und leben einfach diesen schmalen Kontakt zwischen den Habitaten, der uns jedes Mal vereinnahmt und ruhen lässt. Im Jetzt.

Als sich einer der wenigen trüberen Tagen abzeichnet und ich gerade von der Capitania zurücklaufe, sehe ich wie über dem Hafen ein riesiger Regenbogen steht, der mich grinsen lässt, dann rufe ich Sonja an und wir lachen beide.

 

"Das ist Palma".

 

Die Wochen hier auf der Insel vergehen mit so einer Leichtigkeit, wie ich sie selten zuvor erlebt habe. Die Palmeros, die ursprünglichen genauso wie die Neuen, vermitteln uns mit ihrer Zufriedenheit das Gefühl angekommen zu sein. Angekommen auf einem Flecken Erde, der noch nicht von Hochgeschwindigkeit, Leistung und Konsum geprägt ist. 

Dennoch sind wir nicht hier um anzukommen, noch nicht.

Wir wollen noch ein wenig weiter...pass auf Dich auf la isla bonita ! 

 

 

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Lebenszeichen

Wir sind wieder hier, auf la Palma. Wir sind wieder da, wo es vor 8 Monaten aufgehört hat - unser Versuch etwas anders zu machen.

 

Als wir landen, haben wir gerade drei 360° Drehungen zwischen Palma, Gomera und Teneriffa gedreht und ich möchte nur noch raus und endlich auf die Insel.

Seit Monaten überleg ich schon, wie es wohl ist, wieder hier zu sein. Wahrscheinlich hatte ich über die letzten Wochen alles und jeden hier glorifiziert und mich völlig in die Idee verrannt, ich würde hier schlagartig froh sein – bis auf den Flug versteht sich. Dann trete ich auf die Landebahn, schmunzle noch einmal darüber nur OneWay gebucht zu haben und ... mich trifft etwas. Irgendetwas.

Kein Schlag, aber etwas in der Art.

 

Ich hab viel zu viele Klamotten an und dicke Strümpfe und einen Pulli und was weiß ich nicht noch alles, denke ich und merke, dass ich seit einiger Zeit vor der Maschine stehe und in tiefer Dankbarkeit zum Piloten aufschaue. Der hat sichtlich besseres zu tun und macht wahrscheinlich kurz Mittag, bevor es wieder zurück nach Deutschland geht. So ein zäher Hund, denk ich mir und drehe mich wohl endlich zur Ankunfthalle um, wo Sonja schon auf mich wartet.

Noch auf der Landebahn muss etwas mit mir passiert sein, denn sie schaut mich so an als wäre ich...gut gelaunt. 

 

Es ist warm, die Sonne scheint und der Passatwind bläst - der Grund für ungemütliche letzte Flugminuten und meinen zwischenzeitlichen Missmut,  aber davon weiß ich eigentlich schon nichts mehr denn jetzt kann ich das Meer sehen.

Ich kann das dunkelblaue, unruhige Meer sehen und den hellblauen Himmel, nur unterbrochen von vorbeirauschenden weißen Wolken. 

Für meine Sinne ist das nahe an der Überdosis. Wir hätten uns nach mehreren Wochen grau in grau völlig damit begnügt, endlich wieder die Sonne zu sehen…aber jetzt bekommen wir das ganze Programm.

Ich kann nicht anders als zu grinsen, ich hoffe ich grinse nicht die ganze Zeit, obwohl das gerade sehr wahrscheinlich ist. Wir verbringen fast vier Stunden mit Warten auf verschiedene Busse bis wir an die 35 Kilometer entfernte Westküste der Insel gelangen, am Feiertag läufts hier eben auch ruhiger. Noch ruhiger.

„No pasa nada“, das macht garnichts…vier Stunden mehr Frühling! Wer gerade aus dem fränkischen Winter kommt und nur feucht-nass-schmuddel oder zu-warm-für-die-Jahreszeit oder Niesel-Kält-die-zieht-einem-überall-nei kennt, der saugt das einfach alles auf.

Die Farben, die Geräusche und die Luft – ich saug das einfach auf bis ich platz, denk ich mir und merk wie Sonja mich anschaut, den Kopf etwas schräg hält und die Augen leicht schliesst, womöglich kann sie so besser fokussieren und erkennen ob ich jetzt final abdrehe.

 

Kurz bevor wir Pantera sehen, werden wir sichtlich nervöser und als wir sie auf dem Shipyard entdecken, hangeln wir uns auch gleich ohne Leiter hoch an Bord.

Auf Deck ist alles was zersetzbar war, zersetzt und in alle Winde verstreut. Außerdem hat sich eine gleichmäßige Sandpatina über den gesamten Rumpf gelegt und unser Boot in eine Art Kokon gepackt.

Unter Deck ist die Zeit stehen geblieben, nichts wurde in den letzten Monaten bewegt oder verändert und so fühlt es sich gleich so an als ob wir gerade eben erst das Schloss zum Niedergang zugeschlossen hätten. Nur einige Kleinigkeiten erinnern uns daran, wie hektisch die letzten Minuten unseres Aufbruchs waren, doch das wird sich jetzt erstmal nicht wiederholen, denn die nächsten zehn Tage verbringen wir nahezu wie im Winter in Eibelstadt, wir reinigen den Rumpf, schrubben Deck, entrosten, lackieren und bringen neues Antifouling auf, entgraten den Propeller und dichten die Stopfbuchse neu…alles beim Alten, nur diesmal im T-Shirt und “diesmal mit weniger Stress“ höre ich mich sagen und Sonja greift zu den gravierten Gläsern. the Blood, the Sweat, the Tears...the Love.

Wir sind wieder da.

 

 

 

 

p.s. der Tracker sollte auch wieder laufen, cheers

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Nur weng undicht

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long Way home

Jetzt sind es plötzlich vier Monate. Vier !

Monate in denen ich auch immer wieder mal dachte: ich will mal was schreiben, oder ich sollte mal was schreiben.

 

Aber ich habe es einfach nicht geschafft. Keine Muse, keine Lust, keine Zeit.

Keine Zeit, selbstverständlich hat man hier einfach nie mal eben Zeit. Zeit nimmt man sich, die hat man nicht.

Es fühlt sich an wie ein anhaltender Konflikt, wie ein Krieg ohne scharfe Waffen. Ein Krieg gegen Alles und Jeden, das einem Zeit streitig macht. Auch wenn nicht scharf geschossen wird, gibt es hier unschuldige Opfer...in unserem Fall : der Blog.

 

Wir sind wieder hier, in Deutschland.

Wir waren im Februar einige Wochen zu Besuch hier und auch wenn ich es erst nicht wahrhaben wollte, standen unangenehme Entscheidungen an. Genauer : Geld und Gesundheit oder Gesundheit und Geld - consumers choice.

Diese beiden Pfeiler meiner und unserer Reise standen bei mir plötzlich in Anführungsstrichen.

Manche Probleme, vor allem Unausweichliche, erfordern schnelle und schmerzhafte Entscheidungen. Also trafen wir diese, packten Möglichkeiten beim Schopf und seit Mitte April sind wir wieder hier...ohne Meer, Wind und Wellen. Dafür mit stabileren Pfeilern.

 

Zuvor hiess es aber noch einen Hafen für Pantera zu finden und noch eher hieß es erstmal eine gute Zeit mit unseren zunächst letzten Besuchern auf Teneriffa zu verbringen: unserer Familie !

Und sie brachten genau die Leichtigkeit mit, die wir brauchten um nicht an die nahe Zukunft zu denken. Las Galletas, ganz im Süden, kam uns da gerade Recht und wir waren froh über ein paar Tage ohne viel Stress und Ungewissheit aber dafür mit viel wertvoller Zeit und schönen Erinnerungen.

 

Nachdem klar war, dass wir Pantera für einige Monate alleine lassen müssen, ging die Suche nach einem passenden Hafen los und nach einigem hin und her war klar, wo es hingehen sollte : la Palma - la isla bonita.

Und ja, auch wenn Madonna den Song (unter den Bildern, empfiehlt sich als Untermalung zu ebendiesen) nicht für die nordwestlichste der Kanareninseln gesungen hat, so hat uns doch gerade dieser Song durch die letzte Nachtfahrt gebracht. Wir hatten unfassbares Glück, als das Zeitfenster für die Überfahrt schon ziemlich eng gesteckt war, dass genau 4 Tage vor unserem Flug, der Wind auf Südost gedreht hat. Denn gegenan segeln und das zwischen Teneriffa und la Gomera.

Nicht lustig. No es divertido !

 

Und so war es fast bizarr, wie perfekt die letzte Überfahrt bis zur Nacht hin wurde. Gleichmäßiger Wind, wenig Wellen und allerlei Pilotwale und Tümmler, die nicht gerade am Salz für unsere offenen Wunden sparen als sie uns verabschieden.

 

Puerto Tazacorte an der Westküste la Palmas empfängt uns mit freundlichsten Marineros, gleissendstem Wetter und grünstem Küstenpanorama, dass wir hier bislang erlebt haben. Und trotzdem fühlen wir uns wie verwundet, als hätte man uns angestochen und wir laufen einfach so aus. Die letzten Tage funktionieren wir, lassen Pantera an Land heben, versorgen versorgungswürdige Stellen am Rumpf, motten alles ein und verräumen ein Jahr unseres Lebens. 

Als wir wirklich von Bord gehen ist da nichts mehr, wir sind leergelaufen. Wehmut bleibt.

 

Die Heimreise wird ein Kraftakt: Bus, Laufen, Shuttlebus, Fähre, Shuttlebus, Laufen, Bus, Laufen, Warten, Bus, Warten, Flugzeug, Shuttlebus, Zug, Zug, Zug, Zug, Auto und wir sind wieder hier.

Ohne Meer, Wind und Wellen und ohne Pantera...aber dafür mit Familie, Freunden und Heimat.

Und das gibt uns Kraft, bis es wieder weitergeht.

Januar 2018.

 

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