Zeitkapsel

Wir stehen mitten auf der Straße an einem Samstag Vormittag.

Wir stehen an, genauer sind wir Bestandteil zweier Schlangen verschiedener Einzelhändler und können uns dabei sehen. Wir stehen etwa 30 Meter entfernt voneinander und mit uns sind hier noch gut ein Dutzend anderer Menschen, mit ausreichend Abstand versteht sich. Das sollte man und muss man vielleicht in der jetzigen Zeit dazu schreiben, weil wir alle darüber nachdenken. Weil wir alle dazu gehören und weil wir über Sicherheitsabstände, Infektiosität und Inkubationszeiten nachdenken.

 

Kohortenstudie, Antikörper, Immunglobuline und PCR-Tests sind mittlerweile im ganzen Land ebenso geläufige Begriffe wie Letalität. Im Schnelldurchgang wurde bundesweit das Allgemeinwissen in Virologie und nahverwandten Wissenschaften derart angehoben, dass man gespannt sein darf wie die Biergarten-Gespräche in der Zukunft verlaufen:


"Das musste mit ner PCR nachweisen!"

"Ne, das geht auch mit ELISA!!"

"ABER NUR WENN`  S VALIDIERT IST!"

Prost.

 

Zurück zur Schlange. 

Wer kann, stellt sich in die Sonne und wer nicht kann, schaut eben Anderen dabei zu. Vielleicht wärmt betrachtete Wärme ja irgendwie mit. Im Schlagschatten der Häuser ist es so früh am Tag noch kühl in der Innenstadt, doch der Sommer wird nicht lange auf sich warten lassen. Zumindest darauf kann man sich verlassen.

Vor mir kauft sich eine Frau eine Tageszeitung, also eigentlich bestellt sie eine Tageszeitung und bekommt sie von der Verkäuferin nach draußen gebracht, zusammen mit einem kleinen Korb in dem die Quittung liegt und der Zahlvorgang vorgenommen werden soll. Die Frau trägt dabei einen selbst genähten Mundschutz und bestätigt auf Nachfrage der Zeitungsdame: "Ja, den hat mir eine Freundin gestern geschenkt". Deutschland im April 2020.

 

Wir stehen nun ungefähr 20 Minuten hier, genauso wie die anderen Menschen, aber nirgendwo spürt man Ungeduld oder Unzufriedenheit. Es fahren kaum Autos durch die sonst viel befahrene Straße, weswegen wir auch kreuz und quer über die Fahrbahn verteilt sind. Einzelne Fahrradfahrer, ein paar Straßenbahnen, eine Polizeistreife...aber keine Aufregung, nirgends. 

Im Gegenteil, die Menschen wirken fast froh hier zu sein, vor der eigenen Tür, draußen - wenn auch nur für 20 Minuten. Die Ausgangsbeschränkungen gelten nun seit über 4 Wochen und die anfängliche Angst und Unsicherheit ist einer Ruhe gewichen, fast einer Beruhigung.

Der Alltagspuls hat sich verlangsamt und damit auch das Leben generell. Wir stehen langsamer an, kaufen langsamer ein, begegnen einander langsamer. Wozu auch beeilen wenn es kaum mehr Termine gibt. In einer Schlange zu stehen, kommt dem alten gesellschaftlichen Miteinander zumindest so nahe, wie kaum eine andere Tätigkeit in der Heim-Isolation. Ich fühl mich gerade nicht unwohl, ein wenig Gemeinschaftsgefühl bleibt ja auch an mir hängen. Dennoch verliert sich mein Blick an den Fassaden der geschlossenen Läden. Irgendetwas in mir wünscht sich immer wieder mal den Moment, dass eine Tür aufgeht und der gut gelaunte Aufnahmeleiter zu uns kommt, in die Hände klatscht und sagt: "CUT! Das war sehr gut, sehr authentisch, die Szene haben wir!".

Folge 1, Staffel 1 von "Tage der Dystopie" (engl.: "Days of Dystopia") - die neue Streaming-Serie.  

 

Ich schaue nacheinander jede geschlossene Ladentür an und dann im Wechsel zu Sonja hinüber und frage mich, ob sie auch auf den Regisseur wartet. Vermutlich nicht, denn ich verstehe nämlich langsam was hier läuft. Die Schlange, der Mundschutz, das Virus und diese neue Serie, das ist alles nur einer dieser einseitig amüsanten Michel-Träume aus denen ich schon vor dem Aufwachen aufwache.

Sonja kann unmöglich dasselbe denken, weil wir ja eigentlich ganz woanders sind...und dann öffnet sich die Zeitkapsel.

 

 

November 2019, Portugal - Algarve

 

Ankern kann grausam sein oder auch ganz wunderbar. Es thront gewissermaßen über dem Segeln und liefert fortlaufend Stoff für Mythen und Seemannsgarn ebenso wie Anekdoten über paradiesische Zustände. Eine kurze Geschichte über ein Manöver, dass eine ganze Szene prägt – von innen, wie von außen.

Der Anker ist überall. Er ist das Symbol fürs Segeln und die unangefochtene Nummer 1 für alles, was auch nur irgendwie den Hauch einer Affinität zur See hat. Außerdem ist er auch das Symbol für alles, das absolut keine Affinität zur See hat aber gekauft werden soll, also auch wieder alles.

Es gibt T-Shirts, Kapuzenpullis, Anzugjacken, Krawatten und Mützen mit Ankern und es gibt Toastformen, die den Anker aufs Toastbrot brennen. Außerdem gibt es Golftaschen, Bettwäsche, Tapete, Christbaumkugeln und Nachttischlampen - und natürlich Tattoos. Auf Armen, Beinen, auf Brust und Rücken, als Unendlichkeitsverschluss und als Tränenersatz. Anker sind überall, nicht nur an Schiffen oder in Küstenorten. Und…warum auch nicht?

 

Wenn es nach mir ginge, hätte eigentlich wirklich alles einen Anker. Seitdem wir das Boot haben, besitzen wir auch merklich mehr davon und wegen mir könnte auch einfach ein Anker auf allen Zahnbürsten sein, auf dem Werkzeug oder der Bordtoilette. Ganz egal, Anker geht immer!

Was dagegen nicht immer geht: Ankern.

 

Oft wenn Menschen Zuhause mit uns über unsere Bootsreise reden, und allen voran auch etwas über Probleme hören wollen, stellen sie Zwischenfragen wie „naja aber ihr könnt doch ankern?“. Wenn ich beispielsweise gerade erzählt habe, dass wir “18 Stunden unter Motor gegenan gefahren sind – also gegen Wind und Welle. Sprich: Wir haben den halben Tag und eine Nacht hindurch eine Achterbahn im Schichtbetrieb gesteuert, minutenweise unterdecks auf dem Boden und neben dem röhrenden Diesel geschlafen und uns von Resten aus der Chipspackung ernährt“. Und mein Gegenüber dann so: „und wieso habt ihr nicht geankert?“. Einmal hat mich auch jemand gefragt, wie wir das dann eigentlich nachts machen bei einer langen Überfahrt, wie zu den Azoren. Und ob wir dann nachts den Anker auswerfen?

Ich kenne Niemanden, der das hämisch oder böse meint und ich möchte hier selbstverständlich niemanden veralbern, aber es könnte eben kaum weiter von der Realität entfernt sein. Und zudem, woher sollte man es wissen, wenn man nicht gerade mit dem Boot unterwegs ist? Wir wussten es ja ohne Boot auch nicht besser!

 

Theoretisch kann man fast überall ankern, das stimmt – zumindest in Küstennähe. Vorzugsweise aber auch nicht bei tieferem Gewässer als der fünffachen Kettenlänge. Für uns bedeutet das 6m Wassertiefe (weil 30 Meter Kette). Dann kommt natürlich noch der Untergrund dazu. Der sollte am besten schlammig oder sandig sein, eher nicht mit vereinzelten Steinen oder gar felsig. Irgendeine Form von Bucht oder windabgewandte Einbuchtung wäre schön und am besten mit möglichst wenig Strömung und nur moderatem Schiffsverkehr. Vor dem geistigen Auge schrumpfen so die Ankermöglichkeiten zusammen wie die designierten Aufstellungsorte bayerischer Windräder.

Natürlich ankert man auch nicht immer optimal. Wir haben einmal auf 17 Metern Wassertiefe erfolgreich geankert (Costa Brava) und wir haben auch schon auf 5 Metern erfolglos geankert (Gran Canaria), zumal spontan einsetzende Fallwinde selten vorhergesagt werden. Zweimal haben wir fast das komplette Ankergeschirr in den felsigen Buchten der Costa Brava “verloren“ und dann war da noch das eine Mal westlich von Barcelona als wir dachten, wir könnten so ganz ohne Bucht eine Nacht vor Anker verbringen. Weil, es war ja windstill und sandiger Grund und Hochsommer und da ist absolut nichts vorhergesagt. Und dann kam eine, gefühlt uralte Dünung aus Süden, die eine schutzlose Crew in einer schutzlosen Yacht sehr effizient aus den Kojen pfeffert.

Wir wollten auch schon einmal in einem betonierten Kanalabschnitt in den Vogesen ankern – ohne Vernunft und ohne Chance. Auf hoher See haben wir es wahrscheinlich nur aus Ermangelung von 15.000 Metern Kette nicht versucht, aber letztlich führen erfolglose gegen erfolgreiche Ankermanöver noch immer.

 

Aber ganz gleich wie oft Ankern misslingt oder funktioniert, im Endeffekt ist es etwas sehr Spezielles – zumindest für mich. Selbst zu entscheiden ob wir den Anker hier oder 50 Meter weiter fallen lassen, ist schwer anders zu beschreiben als mit einem großen Wort: Freiheit.

 

Freiheit ist ein so absoluter Begriff, dass er zu Ende gedacht, wohl eine Illusion darstellt. Grenzenlos, unendlich und vollkommen soll sie sein, die Freiheit, und sie wird sicher ebenso oft mit dem Segeln in Verbindung gebracht wie der Anker. Der Realist wird einwenden, dass es immer nur eine relative Freiheit gibt: Bürofenster in Relation zum Cockpit, Campingplatz in Relation zum Ankergrund, Autobahn in Relation zum Ozean. Der Segler wird anfügen, dass man Bürofenster bei Starkregen schließen kann, dass Campingplätze über Strom, Duschanlagen oder Biergärten verfügen und, dass man auf Autobahnen entscheiden kann wohin und wie schnell man fährt. Unbeeinträchtigt von Wind und Strömung. “Alles ist relativ“ soll Galileo schon vor Jahrhunderten gesagt haben und er behält Recht, es betrifft auch die Freiheit. Einzig die Perspektive ist entscheidend.

 

Kurz nachdem der Anker das erste Mal einruckt und uns auf Position hält, gehe ich oft zu Sonja in den Bug und wir schauen nach der Ankerkette und dem ganzen Drumherum. Wir warten dann wie weit Pantera wandert und ob wir uns anderen Booten oder seichten Gewässern nähern. Manchmal stehen wir dann minutenlang da und reden nichts, achten nur darauf was dieser Ankerplatz für uns bereithält. Pantera braucht einige Zeit, bis sie sich eingependelt hat und ihren neuen Platz zwischen den Elementen einnimmt.

Von da an bewegt sie sich, bewegen wir uns, um den Anker. Je nach Wind und Strömung, je nach Ebbe und Flut wandert sie dann fast unmerklich um unser kurzweiliges Zuhause und zeichnet unsichtbare, konzentrische Kreise ins Wasser. Segler nennen das „Schwojen“, ich nenne das „Tänzeln“. Der Panther bittet zum Tanz und wir tanzen mit.

Irgendwann schauen wir uns dann an, tun so als ob keiner wüsste, was der andere gleich sagt um dann ohne Skript aber dafür peinlich simultan zu fragen: „Sundowner?“.

 

Warum nicht? Ein Tanz, ein Bier, was sollte schon schief gehen…

 

 

"Hallo, was möchten Sie denn nun?" ertönt die Frage ein ganz klein wenig zu laut. Nicht wirklich unhöflich aber zu laut, weil ich wohl die erste Version nicht wahrgenommen habe. Ich blinzle ein paar Mal und reibe mir die Augen. Kleine bunte Neonsterne tauchen auf, nur um sich zügig wieder zu verziehen. Orbse nennen manche Menschen solche Lichtpunkte und glauben, dass das Lichtwesen aus einer Nebendimension sind. Mir fällt dann doch noch meine Wunschzeitung ein und danach auf, dass immer noch kein Aufnahmeleiter oder Produzent erschienen ist, nicht einmal ein Tontechniker. Die Zeitungsfrau ist dennoch zügig mit der Bestellung zurück und als ich bei Sonja auf der anderen Straßenseite ankomme, schaut sie mich so an, wie sie es häufiger macht, wenn sie eine Vermutung hat. Sie ahnt wohl, dass ich in Gedanken war. Die Augen leicht geschlossen, den Kopf etwas zur Seite geneigt wird sie mir gleich eine dieser entlarvenden Fragen stellen.  Eine von den Fragen, die mehr durch ihre Art wirken als durch ihren Inhalt. Doch diesmal bin ich vorbereitet. 

 

"Na, warst Du wieder bei der Pantera?".

"Mhmm"

"Und geht´ s ihr gut?" 

"Ja...was sollte schon schief gehen?"

 

 

 

 

 

 

 

 

Zusatz/Nautisches:

 

Annalena war von Lissabon bis Portimao ein Teil der Crew und hat sich so ihre ersten Seemeilen auf der dicken Pantera ersegelt. Wenn auch nicht unbeeindruckt vom atlantischen Seegang, hat sie uns tatkräftig und mit viel Ingenieurswissen unterstützt. Vielen Dank dafür!  

 

Der Text über das Ankern entstand Anfang Dezember 2019 an der portugiesischen Algarve. Wir wollten damals endlich diesen Teil der Segelwelt mit eigenen Augen sehen und erfahren, ob all das Lob über diese Küste auch im Dezember zutrifft. Kurz gesagt: es trifft! 

Der Atlantik ist kalt zu dieser Zeit und ohne Sonne zu segeln ist nur etwas für Liebhaber nördlicher Breiten aber dort zu Ankern ist sensationell.

Ich weiß nicht genau, warum ich diesen Text nicht fertiggestellt hatte aber für mich ist er mittlerweile sehr speziell, denn es ist der letzte Blogeintrag bevor sich das Leben verändert hat. Ein Text, der ohne jeden Einfluss von Sars-CoV 2 entstanden ist.

 

Pantera ist jetzt an der portugiesisch/spanischen Grenze am Rio Guadiana. Die Entscheidung auf der portugiesischen Flussseite festzumachen fiel damals sehr spontan, schwer zu sagen welche Auswirkungen das in Zukunft für uns hat und wann wir unser Boot überhaupt wiedersehen können. Unsere Rückreise nach Portugal war für den 23. März gebucht und fand bekanntermaßen nicht statt. Im Moment sind alle portugiesischen Marinas für die Ein- und Ausfahrt gesperrt (Stand 21.04.2020).

 

 

5 Kommentare

Interview

Bis zum nächsten Eintrag, gibt´ s hier ein kleines Interview, welches der Mukoviszidose.eV mit mir gemacht hat. Besten Dank an Frau Tiedt!

 

Happy 2020!

 

 

 

 

 

 

 

 

Einfach hier klicken:

Interview

1 Kommentare

Hochseefieber

Ruhe.

Ruhe vor Nachbarn, News und Smartphones. Das ist mein erster Gedanke, wenn ich gefragt werde, wie denn die letzte Überfahrt war. Neun Tage auf hoher See spiegeln sich vor allem in diesem einen Wort wieder. Ruhe. Wenn Kommunikation stattfindet, dann nur noch im kleinsten Kreis, mit der Crew und mit einem selbst.

 

Es dauert nicht sehr lange, bis man sich daran gewöhnt hat. Die Synapsen stehen dann nicht mehr unter dem üblichen Dauerfeuer und irgendwann bleibt auch der gewohnte Griff zum Handy aus. Entspannung macht sich breit im Kopf, nur gefolgt von Leere. Nicht die unangenehme Variante, eher die, die Platz schafft für Anderes. Dann beginnt man, der Welt um sich herum zuzuhören, dann beginnt man zu verstehen. Irgendwie.

 

Hunderte Meilen Wasser in alle Himmelsrichtungen, aber man beginnt Muster und Veränderungen in den Wellen zu sehen. Man lernt zu lesen, ob es alte oder junge Wellen sind, sanfte oder gewaltige und auch ob sie gut oder böse sind, die Launen der See. Oft wird gesagt, dass das Meer Emotionen mit sich nimmt, vor allem die Schlechten und Verzagten. Das Meer nimmt sie mit sich und den Menschen geht es besser, so oder so ähnlich lautet die Theorie.

Dabei ist nicht klar, was das Meer mit den Emotionen anstellt und ob es diese Negativität auswaschen oder irgendwo ablagern kann. Vielleicht schwimmen die entsorgten Emotionen auch obenauf wie weggeworfenes Plastik? Schwer zu sagen, doch im Endeffekt gleichbedeutend, denn der Glaube an die reinigende Wirkung bewirkt schon Linderung. Der maritime Placebo-Effekt.

 

Dennoch ist das alles Unsinn, wissen aufgeklärte Menschen. Wellen bilden sich durch Wind oder Erdbeben, Wind entsteht durch den Ausgleich von Hoch- und Tiefdruckgebieten und Wolken folgen auf Verdunstung. Physikalisch erklärbar, meteorologisch deutbar und Dank hervorragender Wetter-Apps auch für Laien anwendbar. Ein Segen für die Schifffahrt und ein Beweis für empirische Wissenschaften.

Und doch steckt mehr im Meer als Physik und Chemie, denn was passiert, wenn man weit draußen geräuschlos durch die Nacht gleitet, lässt sich nicht in eine Formel pressen. Es existiert keine Berechnung zur Vorhersage, wann die unsichtbare Nadel den unsichtbaren Ballon um den eigenen Kopf zum Platzen bringt. Man kann es auch nicht erzwingen, so wie wenn man versucht vorsätzlich zu niesen oder zu gähnen. Falls aber ein Geräusch dazu existiert, dann vielleicht ein *Plöpp* oder *Pfff* oder es klingt dabei wie ein Delfin, der bei spiegelglatter See die Wasseroberfläche durchbricht - bevor er prustend ausschnauft. Die Oberflächenspannung kollabiert und produziert einen Laut, wie ein umgedrehtes Schmatzen. Egal ob und wie es klingt, danach ist nichts mehr wie zuvor.

 

Die Welt wirkt anders, man selbst wirkt anders. Der Blick wandert vom Boot weg in alle Richtungen weil man versucht die Ausmaße zu begreifen. Die eigene Existenz wird immer winziger, während der Raum um einen herum immer endloser wird. Der Nachthimmel verschmilzt mit der See, Sterne leuchten und spiegeln sich und wären da nicht Wellen und deren Schaumkronen, es wäre fast unmöglich zu wissen wo oben und unten ist. Die Milchstraße erscheint wie ein Leuchtbanner, dick und fett, fast aufdringlich. Selbst ohne viel Vorkenntnis erkennt man große und kleine Wagen und das prägnante Sternbild Kassiopeia. Hin und wieder ein Satellit mittendrin, beinahe nicht hell genug um bei dieser Kulisse aufzufallen und Sternschnuppen, so zahlreich, dass man sich ernsthaft Zeit nehmen muss um an ausreichend relevanten Wünschen zu feilen. „dass die Wache jetzt schnell vorbeigeht“ liegt zwar erschreckend nahe, ist aber zugleich erschreckend unnötig.
Die Dekadenz der Wunscheinfalt.

 

Raumpatrouille Pantera geht nachts auf Erkundungsflug und selten war Schlafmangel schöner als jetzt. Der Himmel, oder auch das obere Schwarz, ist dabei manches Mal so klar, dass Navigieren nach Sternbildern sinnvoller und eleganter ist als mit dem Kompass. Das Wasser, also das untere Schwarz, ist nachts oft ruhiger als tagsüber und die Wellen weicher, fast soft. Pantera ist auf Schleichfahrt, und wenn sich nach einigen Nächten der geistige Horizont irgendwo zwischen Milchstraße und Golfstrom befindet, erscheint alles möglich und plausibel. Stellt man sich dann nur lange genug vor, auf einem großen Marshmallow durch einen Ozean aus Schokolade zu segeln, kann man nur hoffen, dass nicht einer von der Crew nach oben kommt und fragt warum man sich so verrenkt und gegen den Sicherungsgurt ankämpft um eine Hand ins Wasser, also in die Schokolade, zu stecken. Der Geist schwebt weit über dem Boot, über dem Raumschiff, über dem Marshmallow…und das tut gut.

 

Der Weg zu den realen, stets präsenten Fragen ist einfach zu weit und zu unbequem. Das ständige Hinterfragen nach Gründen, warum Menschen unhöflich, ignorant oder gleich rassistisch sind, bleibt aus. Man will auch nicht mehr wissen, warum der/die Eine den/die Andere(n) im Namen irgendeines Gottes tötet oder Drohnen im Namen des Guten, Krankenhäuser oder Hochzeiten in Schutt und Asche bomben. Man denkt nicht mehr an doppelt eingeschweißten Rucola, schwimmende Hotelkomplexe mit Kussmund am Bug und technisch optimierte Massentierhaltung.

Man vergisst, dass es für uns alle wärmer wird und, dass sich in wenigen Jahren viel verändert hat und sehr wahrscheinlich noch viel mehr verändern wird. Man schaut übers Meer und spürt die Gewissheit, dass dieser Planet sehr lange Zeit ohne die Menschheit zurechtgekommen ist, und auch ohne uns zurechtkommen wird - in welcher Form auch immer.

 

Gerade als die Fragen wieder aufkommen, kommt eine größere und schnellere Welle vorbei, bringt Unwucht ins Boot, pflügt einmal durch den vertrauten Schaukelrhythmus aber verzieht sich auch genauso schnell wieder in die Dunkelheit.

Wir sind ein paar Grad weiter vom Kurs abgekommen als normalerweise, aber schon nach wenigen Momenten hat der Chill-O-Maat (die Windsteueranlage) die Lage im Griff und Kassiopeia taucht wieder über Backbord auf. Mehr brauche ich nicht zu wissen, setze mich und lasse meinen Geist wieder von der Kette.

Ich frage mich nach einer Weile, ob man Marshmallow-Segel eigentlich essen kann, als Sonja im Niedergang erscheint. Zeitgefühl habe ich gerade keines aber vermutlich beginnt gleich Ihre Schicht oder die Welle hat Unruhe unter Deck verbreitet.
„hey Käp´n! Sag mal schläfst Du wieder auf Wache?“ ist der erste Satz, der hier draußen seit drei Stunden gesprochen wird und dennoch habe ich das Gefühl als hätte ich mich stundenlang unterhalten.

 

„Schlafen? Hier draußen? Ganz sicher nicht.“

 

 

 

 

 

 

 

Nautisches:

Unser ursprünglicher Plan mit dem Zielhafen Coruna in Nordspanien war wettertechnisch kaum zu machen und so war nach einigen Planänderungen klar, dass der Raum um Lissabon realistisch für unser Zeitfenster ist. Nach zwei ruhigen und fast windstillen Tagen, an denen wir auch nachts aufgrund der bizarren Lautstärke, keine Motivation hatten, den Motor anzuwerfen, schickte uns gemächlich einsetzender Nordwestwind auf Kurs. Vom dritten Abend an, setzten dann die ersten Passatvorläufer ein und droschen Pantera bei halbem Wind in die richtige Richtung, lediglich von zwölf Stunden Tiefdruckgebiet inklusive Ostwind unterbrochen. Seit Mitte Juli liegt die Dicke jetzt in Lissabon.

 

Kurz gesagt: Es war nicht immer Genusssegeln aber es war ein Fest!

 

Vielen Dank an alle, die mitgefiebert und uns von Zuhause aus unterstützt haben und Vielen Dank für eine Crew, die Ruhe an Bord erst möglich gemacht hat.

 

Ich freu mich, die nächsten Meilen warten schon!   

 

 

 

zum Schluss:

Lars kann man hier supporten: http://kapitaenohlsen.de, außerdem hat er noch einige exzellente Bilder beigesteuert, unter anderem das Titelbild!

4 Kommentare

Ponta Delgada

Eine Marina, wie sie im Atlantik oder auch im Mittelmeer üblich ist, entspricht meist mehr als nur einem Parkplatz für Boote. Oftmals sind die Marinas großflächig und manches Mal geradezu absurd riesig angelegt im Vergleich zum Hauptort. 

In der kulturellen Hauptstadt der Azoren, Ponta Delgada, haben die Ausdehnungen der Marina in den letzten Jahrzehnten auch immer weiter zugenommen. Wellenbrecher wurden erweitert,  Kreuzfahrtanleger vergrößert und neben die alte Marina wurde eine mehr als doppelt so große, neue Marina gebaut. Die Hafenplaner denken groß hier.

Verständlich, denn das Interesse an den Azoren ist in Seglerkreisen traditionell hoch, wächst zudem jährlich durch immer größer werdende Segelveranstaltungen wie der (ARC) und Regatten in und um die Azoren herum (AZAB). 

Es können hier mehr als 600 Schiffe festmachen, meist nicht nur einzelne Skipper sondern mehrköpfige Crews und so gleicht der Hafen in der Hochsaison mehr einem Vorort oder einem kleinen Stadtteil. Die Stege werden zu Stichstraßen und die Liegeplätze zu gutbürgerlichen Reihenhäusern, nur dass beinahe jeder Nachbar eine andere Fahne gehisst hat.

Wenn man dagegen den Winter in der Marina Ponta Delgada verbringt, ist das wie in einer kleinen Geisterstadt. Nicht etwa, weil Ponta Delgada ausgestorben wäre, nein, die ursprüngliche Stadt bleibt vom Verwaisen verschont. Dort herrscht dieselbe Betriebsamkeit mit Märkten, Festen und vollen Restaurants. 

Die Marina jedoch ist wie leergefegt, zumindest was Menschen angeht, denn gut ein Drittel der Liegeplätze ist nach wie vor besetzt - nur ohne Besatzung. Eine Geisterstadt mit Geisterschiffen.

Bewegung herrscht noch immer, alles knarzt und klappert wo es nur kann, aber gesprochen wird nicht mehr. Unzählige Male trifft man auf dem Weg zur Dusche und zurück nicht einen einzigen Menschen, dafür vielleicht einen sechsbeinigen Insektenfreund beim Erkundungsrundgang. Im Winter muss hier jeder schauen, wo er bleibt.

Die wenigen Segler, die hier ausharren, kennen sich schnell untereinander. Über das Wetter spricht man zuerst, natürlich, anschließend über die Dünung, die die Stege manchmal zu kleinen Achterbahnen macht und dann über den besten Verkäufer für neues Tauwerk. Selbstläufer, man sitzt ja fast im selben Boot.

Und da liegt manchmal auch das Problem. Bootleute reden über Bootssachen, „boatpeople talk boatstuff“. Bootstypen, Rigg, Ankerplätze, Equipment…Segelbedingungen gehen immer, und dass die Wellenhöhe bei jedem neuen Gesprächspartner um einen Meter zulegt, ist ungeschriebenes Gesetz. Soweit so unproblematisch, doch das Resultat ist eine Filterblase.

Die Filterblase verlässt man meist erst, wenn man mehr Zeit an einem Ort verbringt. Mehrmals auf verschiedenen Stationen unserer Reise ist das nun schon passiert, doch Ponta Delgada war anders. Wir hatten nicht vor, hier den Winter zu verbringen. Der Hafen ist in bestimmten Lagen keineswegs tauglich für schweres Wetter. Das Leben an Bord wird zur Waschmaschine und das Material reißt und bricht wo es kann. Umso froher waren wir, als wir im Februar endlich einen Platz an Land ergattern konnten ohne zu wissen, dass in diesem Moment die Filterblase platzt.

Es war zunächst, wie die Male zuvor: Boot kranen, Hochdruckreinigen, Schäden suchen, ausbessern, schleifen, streichen und so weiter. Nur diesmal bekamen wir Unterstützung in Mannschaftsgröße. Ob Adapter für Anschlüsse, Strom, Werkzeuge, Werkbanken, Besorgungsfahrten und sogar die Einladung zu sonntäglichem Tintenfischeintopf, die Menschen dort hatten einfach Lust uns zu helfen. Jeder von ihnen hatte seine eigenen Arbeiten zu erledigen und dennoch war immer genug Zeit um zu fragen, ob bei uns alles passt. Es war auch die Zeit, in der wir ein Stück weit in die Gesellschaft auf der Insel reingerutscht sind. Jeden Tag haben wir dabei mehr Leute kennengelernt und wurden von mehr Leuten gegrüßt. Manches Mal ging die Unterhaltung aus mangelndem Portugiesisch unsererseits nicht über Höflichkeiten hinaus, und manches Mal sitzt man plötzlich mit Hund auf dem Schoß in einem Pickup in Richtung Mini-Baumarkt und unterhält sich über Flugangst. Alles geht und mit der Zeit, stellt sich ein fast vertrautes Gefühl ein. Es fühlt sich dann irgendwann nicht mehr an, wie eine entfernte Inselgruppe mit fremden Menschen, sondern ein ganz klein wenig wie Zuhause. Zwar nie ganz wie Zuhause, aber auch nie mehr ganz fremd.

Einmal so über die Azoren zu sprechen, hätte ich mir vor wenigen Jahren nie vorstellen können und jetzt ist es so, dass ich auch hier ein Stück Erinnerung zurücklasse. Jetzt ist es wieder so, dass man viele Tage und Monate an einem einst fremden Ort verbracht hat und wehmütig wird. Man weiß nicht, ob man jemals wiederkommen wird und ob man manche Menschen jemals wiedersieht. Genauso wenig, wird man sich an alle Details und Straßenzüge für immer erinnern können oder wissen, wann wo welcher Bus fährt…aber das Gefühl zu dieser Zeit, wird man nie mehr vergessen.

Und so wird auch klar, dass geplatzte Filterblasen manchmal mit einem Abschied bezahlt werden müssen, der nicht leicht fällt aber Teil der Abmachung ist.

 

Danke Azoren, Obrigado Acores. Es war wunderbar.

 

 

 

 

Nautisches:

Wir fahren sehr wahrscheinlich am 30.06.19 gegen mittag los und sind zwischen 7 und 10 Tagen unterwegs. Kurs Richtung Osten, und weil wir keinen absolut festen Zielhafen haben, nehmen wir was der Wind uns zu bieten hat. Das heißt von Coruna, Porto, Lissabon oder sogar Cadiz ist alles drin, wobei wir versuchen werden uns nördlich zu halten.

Der Tracker ist unter „Peilung“ zu erreichen oder hinter diesem Link:

https://share.findmespot.com/shared/faces/viewspots.jsp?glId=0WkEp4jn7qF9FovyGK7BB4kVKLT4n83Uv

 

Und nicht vergessen, wenn das Signal mal für einige Zeit ausfallen sollte, heißt das gar nichts. Lediglich, dass der Tracker vielleicht gerade stromlos ist oder er kein Signal bekommt.

Sollten wir Schwierigkeiten haben, haben wir ganz andere Kaliber um auf uns aufmerksam zu machen (https://de.wikipedia.org/wiki/Notfunkbake) und selbstverständlich haben wir alle sonstigen Vorkehrungen getroffen.

Das bedeutet, der Tracker soll zur Info und zur Unterhaltung dienen und nicht dazu, sich Sorgen zu machen!

Enjoy!

 

 

 

 

3 Kommentare

Die Azoren - Wandelbares Wunderland

Die ersten Tage auf den Azoren sind ungewöhnlich, für mich vor allem deshalb ungewöhnlich, weil sich bei mir kein echtes Wohlfühlen einstellen will. Ich weiß nicht genau, was los ist, ich weiß zwar, dass ich froh bin angekommen zu sein – unverletzt, ohne große Schäden am Boot und sogar noch nach Plan, aber irgendwas stimmt nicht. Hier oder mit mir…oder beides.

 

Jetzt, ein halbes Jahr später und nachdem wir nochmal einige Zeit zurück in Deutschland waren, erkenne ich was los war.

 

Ich habe gefremdelt.
Das ist dafür wohl das schlechteste Wort aber auch das Einzige, was es annähernd beschreibt. Auf See war ich aufgeregt und erschöpft und übermüdet… und dann irgendwann ruhig. So ruhig, dass ich keine Bedenken mehr hatte.  Die ewigen Bedenken, etwas vergessen oder übersehen zu haben, verschwanden einfach mit der Zeit auf dem Meer. Wasser, Wind und Wellen entziehen sich ohnehin unserer Gewalt, und genauso zerschellt an ihnen auch jede Form von Lob oder Kritik. Und so akzeptiert man die Elemente, wie sie sind und…wenn alles gut läuft, akzeptieren die Elemente auch zurück. Man verliert alle Erwartungen und wird frei. Frei im Kopf und ruhig im Herz.

 

Jetzt an Land ist alles anders, und zwar nicht nur als auf See, sondern auch als an Land zuvor. Es sind nicht nur, mir unbekannte Inseln, es ist auch ein anderes Klima, eine neue Sprache und eine andere Kultur. Klar, Portugal und Spanien trennen keine Welten und es gibt etliche Ähnlichkeiten, doch Spanien ist in all der Zeit zu meiner, zu unserer Komfortzone geworden.
Das Essen, die Menschen und eben auch die Sprache, sind uns ans Herz gewachsen.
Das Alles fehlt mir hier, viel mehr noch, es ärgert mich sogar ein wenig und das ist völlig bizarr.

 

Die Realität könnte nicht gegensätzlicher sein.
Wir haben zwar erst drei der neun Inseln besucht - Sao Miguel, Santa Maria und Terceira, aber eines ist schon völlig klar:
die Inseln sind unglaublich!
Die Natur strotzt hier nur so vor Energie. Alles was hier existiert, existiert absolut.
Die Pflanzen wachsen hier ganzjährlich ihrem Maximum entsprechend, und das bedeutet nichts Geringeres als Urwald. Dort, wo der Mensch ihm nicht seinen Lebensraum einschränkt, macht der Urwald was er will und das heißt: grün-grün-grün. Überall.
Soweit so nachvollziehbar, denn an Sonne und Regen mangelt es schließlich nicht und, dass die beiden Kontrahenten sich ein Dutzend Mal am Tag abwechseln, schadet zwar Wanderdeutschen aber nicht der Flora.

 

Die Sonne, der Himmel, die Wolken, die Wellen…all das ist so satt hier. Satt und voller Energie. Selbst die Luft ist feucht und geradezu dick vor lauter Frische, außer man kommt dem Vulkanismus zu nahe, denn dann ist der Schwefelgeruch auch so stark, dass man ihn noch Stunden später schmecken kann.  Vulkanschlote erhitzen die See und das Land, liefern Energie, Entspannung oder Eintopf. Drum herum strahlt die Landschaft in unzähligen Grüntönen, blüht wo sie blühen kann und versorgt die Menschen mit Obst und Gemüse und das Vieh mit Weideland. Ob Milch, ob Käse, ob Wein, ob Ananas es ist alles da, “man muss nur einfach a weng guck“ und als Sonja diesen Satz einmal sagt, wusste ich noch nicht, wie gut er zu den Azoren passt.


Das angepriesene Schwachwindgebiet suchen wir hingegen vergeblich. Im Sommer mag das stimmen, doch im Herbst und Winter pflügen hier die Stürme durch, dass die Kanaren zur selben Zeit zum Schönwetterrevier mutieren. Zu den Wetterwechseln gesellen sich Erdbeben, oft lokal und nur auf Teilen der Inseln zu spüren, dafür aber umso zahlreicher – so wurden allein im letzten Februar mehrere hundert kleinere Erdbeben auf Sao Miguel gemessen. Plattenverschiebungen bewegen die ohnehin so bewegte Azorenwelt und bilden das Fundament für die neun Inseln und ihre mehr als zwei Dutzend Vulkane. Während die östlichsten Inseln Flores und Corvo auf der nordamerikanischen Platte liegen, befinden sich die übrigen Azoreninseln auf der eurasischen Platte und werden nicht nur durch hunderte Seemeilen Atlantikwasser getrennt, sondern entfernen sich auch noch voneinander - 5 Zentimeter jedes Jahr.

Bewegtes Land. Bewegte Menschen.

 

Die Azoreaner leben in ständigem Wandel, den Elementen und deren Launen ausgesetzt und immer in dem Bewusstsein, dass ein Moment zwar nie lange andauern muss…aber andauern kann. Sie haben sich daran gewöhnt, die stete Veränderung ist Teil ihres Lebens geworden, unmerklich wie das Atmen. Sie wirken als wüssten sie, dass nicht immer die Sonne scheint aber eben auch, dass es nicht immer regnet und womöglich macht sie das frei. Freier und ohne Erwartungen an gute oder schlechte Zeiten. Man merkt ihnen das an…oder…man merkt uns das an? Azoreaner, wir oder alle Menschen? Die Grenzen verschwimmen, sind hier ohnehin nutzlos und so wird klar, worum es geht.

Nicht um Gleichgültigkeit sondern um Akzeptanz.

 

Kurz bevor wir wieder nach Deutschland und in die Vorweihnachtszeit fliegen, stehen wir auf dem massiven Wellenbrecher im Südwesten des Hafens von Ponta Delgada und beobachten das Erbe des letzten Sturms. Schäumende Wellen, meterhohe Gischt und im halbminütigen Takt das dumpfe Einschlagen der Wellen unter uns. Wenige Stunden später ist der Spuk vorbei, es ist sternenklar und eine der ruhigsten Nächte überhaupt. Wandelbares Wunderland.

 

Ob wir auf den Azoren sind oder nicht, verändert weder das Land noch die Leute und ist hier nur ein Wandel von vielen. Bei uns aber hinterlassen die Eindrücke Spuren, die tiefer gehen und uns manchmal Zuversicht schenken oder manchmal die Schultern zucken statt hängen lassen.
Hab ich gefremdelt oder nur nicht verstanden? Ich weiß es nicht, vielleicht beides…aber sicher ist, wenn wir wiederkommen, werden Corvo und Flores wieder ein Stück weiter weg sein.

Frohe Festtage an alle oder wie die Azoreaner sagen “Boas Festas“ (port.: Boasch Feschtasch)

 

Eure Crew 

1 Kommentare

Genusssegeln

Genusssegeln.
...schreibt man mittlerweile mit etlichen “s“ am Stück, kommt mir in den Sinn.
Viel Sonne, stabiler Wind, wenig Welle.
Moderates Krängen, kaum Böen und wenn dann nur leichte Dünung. Der Himmel weißblau, die Klamotten ebenso – weißes Hemd und weiße kurze Hose, maximal hellblau. Ebenso weiß das Bier im Biergarten danach oder warum nicht gleich an Deck oder im Cockpit, kein Problem bei so angenehmer Minimal-Schräglage.
Genusssegeln eben.
Gefüllte Weißbiergläser vor malerischer Kulisse, im Cockpit herrscht ausgelassene, sich zurücklehnende Stimmung. Es wird gelacht und heiter geht’s zu, hier bei uns in Baye…WOMM!

 

Ich öffne die Augen und merke wieder wo ich bin. Ein paar Minuten zwischen Schlaf und Nicht-Schlaf, vorbei der Genuss, so war es öfter in den letzten Tagen. Es ist dunkel, ich bin unter Deck und bis auf ein paar schwache Kontrollleuchten (das wären dann drei “l“) ist nichts zu sehen außer der unmöglich zählbaren Anzahl an wackelnden und schwingenden Gegenständen. Jacken versuchen zu trocknen, Gemüse versucht nicht zu schimmeln und Michel versucht zu schlafen. Dieser sogenannte Schlaf wurde zum etlichsten Mal unterbrochen, diesmal von einer höheren oder in zu kurzem Abstand anrollenden Welle, diagnostiziere ich, denn das Vibrieren des Rumpfes hallt immer noch nach. Es ist ja nicht das erste Mal, dass es so wummert. Seitdem wir losgefahren sind und den Kurs lediglich zwischen “Am Wind“ und “Hart am Wind“ wechseln, knallt, wummert und dröhnt es unter Deck immerzu. Mal etwas weniger und mal etwas mehr aber eigentlich die ganze Zeit.
Drum ein Blick auf die Uhr: halb drei Uhr nachts.

Jetzt ist`s eh egal, kann ich auch genauso gut aufstehen. WOMM!
Ja, genau.

Ich verkeile mich in mittlerweile gewohnter Weise so, dass ich beim Anziehen von Klamottenschichten und Ölzeug nicht ständig durch die Gegend fliege und grantel´  vor mich hin: „Am Wind segeln sollte es sein, nicht irgendwie raum oder gar achterlich, sondern schön am Wind immerzu. Am liebsten richtig HART AM WIND!“ Den letzten Satz schreie ich schon fast und Lars blickt eher zufällig zum Niedergang herunter, gehört haben wird er oben nichts bei dem Wind.

„Ey Michel, das musst Du Dir reinziehen, das ist die coolste Nachtwache überhaupt!“

Und tatsächlich, sobald ich auf Deck bin, bin ich wieder in einer anderen Welt.
Schlagartig weicht die ruppige, irgendwie aggressive Atmosphäre einer gänzlich anderen. Hier oben ist der Wind angenehmer, die Wellen verträglicher und der Lärm weicht einer gewissen Melodie, ja vielleicht sogar Harmonie.
Und es dauert ein bisschen, bis ich verstehe was Lars damit meint, und zwar solange bis sich meine Augen daran gewöhnt haben. Ich ahne es, also schalten wir sämtliche Lichter aus, auch jegliche Beleuchtung und dann: Uff.

 

Wir haben einen Schweif.
Pantera ist ein kleiner Komet!

Zugegeben ein ziemlich langsamer, aber genauso wie ein Komet, haben wir jetzt einen Schweif. Es leuchtet um uns herum blassgelb oder grünlich oder auch ein wenig bläulich…ich weiß es nicht genau, aber es ist unglaublich. Jede kleine Gischt und jede kleine Welle bilden einen Leuchtteppich, manchmal sogar an Deck, wenn eine Welle über den Bug geht und das Wasser dann bis zum Heck hin fließt. Sprachlos.
Wir stehen mitten in der Nacht im Cockpit und sind einfach sprachlos.

 

Weit und breit ist niemand, zumindest kein anderes Schiff, sehr wahrscheinlich auch kein anderer Mensch. Im AIS ist nichts zu sehen, der Funk ist schon seit Stunden still und es ist absolut finster, geschlossene Wolkendecke, kein Mond und keine Sterne…aber wir leuchten! 
Wie muss das bloß von oben aussehen, frag ich mich und stell mir das einfach solange vor, bis ich es irgendwie fast sehen kann. Ein kleines Boot, mitten auf dem Atlantik, zieht eine Lichterkette hinter sich her...und zieht und zieht und zieht.

Der mangelnde Schlaf, die steifen Knochen und die Strapazen durch den Kurs, das alles ist weg. Ich setz mich und schau in Lee bis über den Bug und grins einfach vor mich hin, stundenlang. Und dann wäre es tatsächlich schöner, wenn der Tag sich noch etwas gedulden würde.

Danke, Plankton.
Danke, Leben.
Danke.

 


Vor zehn Tagen sind wir von Teneriffa aus gestartet und nach Zwischenstopp auf Madeira, kaputt aber gesund in Ponta Delgada auf Sao Miguel angekommen.
Der nächste Am Wind-Kurs kann jetzt erstmal warten.
Bom dia Acores!


 

 

 

5 Kommentare

Warten auf das Meer

Warten auf das Meer

 

 

Wir warten darauf loszufahren. Innerlich.

Äußerlich arbeiten wir jeden Tag Listen ab, wie jedes Mal wenn eine längere Tour ansteht, diesmal steht doch die längste bisher an. Doch irgendeine Tour ist ja immer die längste oder aufwendigste oder neueste, irgendein Projekt ist immer das *zigste. Man kennt das ja.
Doch das ist mein Projekt, unser Projekt.

 

Körperlich, klar. Es ist jeden Tag anstrengender als am Tag zuvor, doch der Antrieb ist jeden Tag da, von ganz allein. Wir haben uns das selbst ausgesucht. Wir haben uns für diese Tour entschieden und darum steht nach jedem noch so zehrenden Tag nicht Frust sondern Zufriedenheit und meist folgt direkt darauf ein Lachen, wenn wieder über die Blessuren des Altwerdens auf einem Segelboot schwadroniert wird – wer schlimmer dran ist, gewinnt.
Wettkampf ist ja immer irgendwo.

 

Seelisch ist anders.
Als Sonja vor einigen Wochen zurückgeflogen ist, haben die Erinnerungen begonnen. Erinnerungen an unsere Zeit in Santa Cruz, Teneriffa und den anderen kanarischen Inseln. Und irgendwie auch an die ganze lange und wunderbare und wunderbar anstrengende Zeit an Bord. Dann bin ich zurück zum Boot und alles war leer.
Wir haben alle lange darüber nachgedacht und geredet und wir waren uns alle einig. Die Idee war gut, ist gut…aber die Leere die Sonja hier an Bord hinterlassen hat war überall. Über all die Zeit, die Arbeit am Boot und die Seemeilen sind wir wie eine Kommune geworden. Eine schwimmende 30m² - Kommune an der so viele Menschen so unglaublich mitgeholfen haben und jetzt…fehlte jemand aus dem innersten Zirkel und hat dabei so viel mitgenommen.
So viel Erfahrung, so viel Interesse, so viel Hingabe und so viel Liebe zu diesem Leben auf dem Boot und so viel Lachen.
Und was blieb war Leere.

 

Die nächsten Tage wurde kaum geredet. Wir waren nicht mehr komplett und Lars muss es ebenso gefühlt haben, denn manchmal versteht man sich am besten wenn man nichts sagt…also haben wir gearbeitet. Abgearbeitet und vorbereitet und Dinge gemacht, die Sonja uns aufgetragen hat oder von denen wir glaubten, dass sie nur versäumt hat sie uns aufzutragen oder weil wir glaubten, dass sie sich darüber freuen würde.

Und so haben wir weitergemacht und Pantera wieder mal von innen nach außen gedreht, zerlegt, gefettet und wieder zusammengebaut. Wie jedes Mal dabei Neuland entdeckt, das wiederum für unmöglich gehalten und dann weiter gemacht. 
Wir haben weitergemacht, weil wir es alle so entschieden haben und wir haben Pantera für ihren nächsten längsten Schlag seefest gemacht.

Wir haben das Rigg ausgetauscht, den Funk erneuert, AIS eingebaut, eine EPIRB Boje besorgt und Ersatzruder für die Windsteueranlage gebaut und gebaut bekommen (Danke Häns!). Pantera hat jetzt so viel Batteriekapazität, Wasser, Diesel und Essen eingelagert, wie sie noch nie zuvor gehabt hat und jetzt ist´ s auch wieder mal gut!

Irgendwann muss die Vorbereitung mal aufhören und irgendwas darf dann auch mal nicht mehr erledigt werden. Wenn es so läuft, wie wir uns das vorgenommen haben, legen wir Morgen (28.04.18) Vormittag ab und wenn nicht…tja was ist dann wenn nicht?
Dann merk ich einmal mehr, was die Menschen immer meinen, wenn sie von der grenzenlosen Freiheit auf einem Segelboot reden. Wenn wir nicht am Samstag fahren, dann fahren wir am Sonntag oder erst übernächste Woche! Und wenn´  s uns zu bunt wird, dann fahren einfach gar nicht auf die Azoren, sondern eben ganz woanders hin!
Und wenn und wenn…ja das ist die Freiheit von der man spricht, und es gibt sie da draußen wirklich.

Die Welt wird sich wie gewohnt weiterdrehen, egal ob wir den halben Atlantik besegeln oder nicht. Drum passt auf Euch auf und schaut mal auf den Tracker, wenn ihr mögt…und Sonja, wir sehen uns auf den Azoren, du fehlst hier.

 

Eure Crew

 

 

 

zur Nautik:

Direkt von hier auf die Azoren dauert es für uns zwischen 6 und 8 Tagen, kann man aber nie genau sagen.

Sollte es das Wetter bzw. der Wind oder andere Gründe verlangen, werden wir über Madeira segeln.

Das muss aber kein Notfall sein, also falls der Kurs sich ändert oder der Tracker mal nicht sendet, heißt das nichts Außergewöhnliches.

 

Link zum Tracker

 

8 Kommentare

el Hierro

El Hierro

 

Ich sitze am Steg.
Sitze einfach nur da…Beine ins Wasser, Quesadilla in der Hand und schaue mich um.
„Da ist halt echt ein bischen Anis drin“ denke ich mir, wie schon zigmal zuvor in den letzten Wochen und betrachte dabei kleine Wolkenfetzen. Sie düsen an der Steilküste entlang auf uns zu, nur um dann kurz vor dem Hafen weiter nach oben abzudrehen in Richtung Valverde. Da war ich gerade eben, bin noch einmal allein durch die, jetzt schon vertrauten Gassen, hab ein paar Dinge erledigt und mich verabschiedet. Irgendwie.
Denn Morgen soll es wieder weitergehen, der beinahe-Orkan, der die Insel in seiner Gewalt hatte, ist nach drei langen Tagen endlich weitergezogen und die Sausewolken sind wohl sein allerletzter Gruß zurück. Als nächstes widmet er sich Madeira und den Azoren und prüft deren Schwerwettertauglichkeit. Bis morgen soll sich hier auch die See wieder beruhigt haben und so machen wir uns auf den Weg nach Teneriffa, es gibt schließlich zu tun!
Die Windsteueranlage muss betriebsbereit sein, das Rigg größtenteils getauscht werden und…und…und…
„…sind halt auch einfach nicht zu süß! Und die Konsistenz!“ drängt sich mir beim nächsten Bissen auf. Meine Füße sehe ich hier genauso klar, wie den Meeresgrund. Klares, hellblaues Hafenwasser leuchtet um mich herum und mir fällt auf, dass ich an einer Hand abzählen kann, in wie vielen Häfen ich freiwillig meine Füße ins Wasser stecke.
Gerade als ich beobachte, wie die eintretenden Wellen die wenigen Boote im Hafen rollen lassen und mir überlege, ob man das wohl in Deutschland nachbacken kann…bemerkt Sonja meinen Blick, unterbricht ihre Lackierarbeit und ruft über die Box: „hey Käp´n, was machst du denn da drüben?“
Da merke ich erst, dass es darauf keine einfache Antwort gibt:

 

Einsamkeit.
Einsamkeit ist das erste, was sich einschleicht, wenn man länger auf el Hierro bleibt. Keine akute, keine die plötzlich kommt aber auch keine, die schnell wieder verschwindet. Sie schleicht sich ein, über Tage und ohne Unwohlsein. Weniger Gespräche, weniger Interaktionen…auch weniger Fragen und weniger Konflikte. Weniger Menschen.
Es wirkt wie eine soziale Entziehung, doch sie macht keine Angst, denn zugleich wird man zu einem kleinen Teil der Insel. Man kennt sich bald. Den Busfahrer, den Hafenpolizisten und die Quesadilla-Bäckerin. Und dann wird man erkannt…ist gemeinsam einsam.

Hierher kommen keine Menschen, die Unterhaltung suchen oder Strände oder “Kitesurfparaglidecanyoning“-Trips…hierher kommen Menschen, die Ruhe suchen, Ursprünglichkeit, Ehrlichkeit oder Wahrheit. Vielleicht sogar sich selbst.
Ohne lange Strände und große Hotels mit noch größeren Brunchbuffets wird es schwer für effizienten Tourismus. Wo Goldküste, Vergnügungsmeile und Shoppingcenter fehlen, fehlt auch meist der Kreuzfahrtanleger.
Hier wurde nichts angepasst, nichts vermeintlich verschönert.
El Hierro, die Ungeschminkte.

 

Diese Natürlichkeit vereinnahmt völlig…und entlohnt.
Hier gibt es keinen höchsten Berg, längsten Sandstrand und keine noch bunteren Obstgärten. Hier sucht man lange nach Superlativen, denn man findet die, nach denen man nicht sucht. Sie ist die kleinste, ruhigste und unbeliebteste – zumindest bei den Touristen, und obwohl sie nicht viel weiter von Ihren Schwesterinseln entfernt liegt, ist Sie die Einsamste. Die Andere.


Viele Canarios sprechen voller Bewunderung über die Herreños, die vielleicht zähesten Bewohner des Archipels. Von der Abgeschiedenheit und den Elementen geprägt, verlieren viele ihre Kinder an die größeren und attraktiveren Inseln wie Teneriffa und Gran Canaria mit ihren Universitäten und besten Verbindung zum europäischen Festland. Wer bleibt, härtet ab…aber wer bleibt, bleibt auch er selbst. Höher, schneller oder weiter, hat auf Hierro keine Bedeutung. Leistung und Konsum sind nutzlos, wenn der Atlantik an die Haustür klopft. Fluch und Segen zugleich, fordert er Tribut aber bietet auch Schutz…vor dem Rest der Welt.


Widerstand und Unabhängigkeit bestimmen den Alltag und formen das Bild der Insel und der Menschen. Seit fast dreißig Jahren, versucht die spanische Regierung eine zivile Raketenbasis und eine Radarfrühwarnanlage auf der Insel zu installieren, doch wer vom Atlantik lernt, der lernt fürs Leben und so scheitert Madrid regelmäßig mit großer Mehrheit am Inselrat. Im Einklang dazu wird die vollständige Versorgung mit regenerativen Energien seit einigen Jahren weiter vorangetrieben und als im August 2015 das erste Mal für vier Stunden die gesamte Insel mit Windenergie betrieben wurde, kam das einem Feiertag gleich. (Derzeitiger Rekord: 18 Tage in Folge)

Widerstand und Unabhängigkeit stehen oft für Verbitterung und Ablehnung, auf el Hierro stehen sie für Selbstbewusstsein und Verantwortung. Die Menschen biedern sich nicht an, sind aber unglaublich aufgeschlossen und respektvoll, wenn sie Interesse erahnen und unser Interesse ist groß.
Wir wandern durch die nördlichen Hochebenen, bestaunen die schroffe Küste vom Golfo-Tal und baden im Charco Azul…wir stehen auf dem Gipfel des Malpaso und sehen Palma, Gomera und den ewigen Teide…wir segeln entlang der steilen Ostküste, vorbei am Roque Bonanza und bestellen in Valverde Mojo Queso mit Rotwein von der Insel. Wenige Tage vor unserer Abreise fahren wir zum westlichsten Punkt der Insel und dem bislang westlichsten Punkt unserer Reise, dem ehemaligen Nullmeridian.

Das Ende der alten Welt.

 

Erst als ich dort stehe und mir dieser Titel immer wieder durch den Kopf geht, erkenne ich die Bedeutung dieser Worte. Für mich.
El Hierro war das Ende der alten Welt und ist es immer noch, denn wie das Leben hier ist, so war es – aber ist es nicht mehr.


Was man hier sieht, riecht und fühlt ist echt und dieses Gefühl färbt irgendwann auch auf uns ab. Wenn ich uns von außen betrachte, wirken wir anders auf mich. Wenn wir wandern, reden oder lachen, dann wirkt das auf mich unmittelbarer und direkter. Ohne Filter.


Und so kann ich nur antworten, was mir wirklich durch den Kopf geht. Die Wahrheit.

 

„...ich will hier nicht weg.“

 

 

 

 

3 Kommentare

la Palma

Ich bin wie so oft zuvor irgendwie aufgeregt und angespannt, als wir aus dem Hafen auslaufen...auch ein wenig euphorisch, denn jetzt sehen wir, ob sich die Arbeit der letzten Wochen auszahlt oder ob wir was übersehen haben. 

 

Das Meer ist ruhig und unser Diesel tuckert gleichmäßig vor sich hin. Motor: Check!

Bald kommen wir ans Südkap von la Palma und raus aus der Landabdeckung, da werden wir Segel setzen mit direktem Kurs auf el Hierro und abermals merken ob alle Vorbereitungen auch für strammere Winde ausreichen.

Als ich über das Heck von Pantera hinaus schaue, sehe ich wie die Insel in unserem Kielwasser immer kleiner wird. Anfangs können wir noch einzelne Orte erkennen, manche haben wir besucht oder von Ihnen gehört, manche nur von weitem und namenlos gesehen und manche werden wir vielleicht nie kennen lernen...und doch bin ich nicht traurig, ich bin froh von la Palma gesehen und erlebt zu haben, was wir gesehen und erlebt haben.

 

Die Insel hat uns so mit Sonnenschein verwöhnt, dass es mir mehr als einmal unfair vorkam, nicht etwas davon abgeben zu können. Wir haben soviel grün, rot, orange, blau, lila in so vielen verschiedenen Formen gesehen, dass ich mich manchmal frage ob diese Insel eine Seele hat und sich für uns extra ins Zeug gelegt hat. Wir haben den weiß verschneiten Gipfel gesehen, uns kurz wie eine kleine Bergexpedition gefühlt, dem Teide auf Teneriffa Respekt gezollt, und kurz darauf tiefes Schwarz erlebt. Schwarz, wie es im Hochgebirge wirkt, wenn das letzte Licht in hellem und dunklen Blau am Horizont verschwindet und einen umfängt. Fast greifbar und fast bedrohlich. Gerade so lange bis die Sterne mit ihrem Werk beginnen. So hell und so viele, dass ich mir nicht sicher bin, ob die Sterne sich vor Lichtverschmutzung zurückziehen oder ob hier gerade das Gegenteil der Fall ist. 

Wir erleben hier, wie völlig fremde Menschen in kurzer Zeit zu Bekannten, zu Freunden werden, uns tatkräftig mit Werkzeug und Fachwissen unterstützen und noch dazu die Insel zeigen. (Tausend Dank, Anne und Peter!)

Marineros und Varaderos helfen uns ebenso uneigennützig, stellen uns Strom und Arbeitsfläche zur Verfügung und für uns werden die geltenden Regeln für die Bootsrenovierung, sagen wir, "gedehnt".

Zweimal fahren wir für kurze Touren einige Meilen vor die Küste und werden von Delfinen in Ihrem Territorium empfangen. Beide Male! Wir verwehren uns nicht und leben einfach diesen schmalen Kontakt zwischen den Habitaten, der uns jedes Mal vereinnahmt und ruhen lässt. Im Jetzt.

Als sich einer der wenigen trüberen Tagen abzeichnet und ich gerade von der Capitania zurücklaufe, sehe ich wie über dem Hafen ein riesiger Regenbogen steht, der mich grinsen lässt, dann rufe ich Sonja an und wir lachen beide.

 

"Das ist Palma".

 

Die Wochen hier auf der Insel vergehen mit so einer Leichtigkeit, wie ich sie selten zuvor erlebt habe. Die Palmeros, die ursprünglichen genauso wie die Neuen, vermitteln uns mit ihrer Zufriedenheit das Gefühl angekommen zu sein. Angekommen auf einem Flecken Erde, der noch nicht von Hochgeschwindigkeit, Leistung und Konsum geprägt ist. 

Dennoch sind wir nicht hier um anzukommen, noch nicht.

Wir wollen noch ein wenig weiter...pass auf Dich auf la isla bonita ! 

 

 

1 Kommentare

Lebenszeichen

Wir sind wieder hier, auf la Palma. Wir sind wieder da, wo es vor 8 Monaten aufgehört hat - unser Versuch etwas anders zu machen.

 

Als wir landen, haben wir gerade drei 360° Drehungen zwischen Palma, Gomera und Teneriffa gedreht und ich möchte nur noch raus und endlich auf die Insel.

Seit Monaten überleg ich schon, wie es wohl ist, wieder hier zu sein. Wahrscheinlich hatte ich über die letzten Wochen alles und jeden hier glorifiziert und mich völlig in die Idee verrannt, ich würde hier schlagartig froh sein – bis auf den Flug versteht sich. Dann trete ich auf die Landebahn, schmunzle noch einmal darüber nur OneWay gebucht zu haben und ... mich trifft etwas. Irgendetwas.

Kein Schlag, aber etwas in der Art.

 

Ich hab viel zu viele Klamotten an und dicke Strümpfe und einen Pulli und was weiß ich nicht noch alles, denke ich und merke, dass ich seit einiger Zeit vor der Maschine stehe und in tiefer Dankbarkeit zum Piloten aufschaue. Der hat sichtlich besseres zu tun und macht wahrscheinlich kurz Mittag, bevor es wieder zurück nach Deutschland geht. So ein zäher Hund, denk ich mir und drehe mich wohl endlich zur Ankunfthalle um, wo Sonja schon auf mich wartet.

Noch auf der Landebahn muss etwas mit mir passiert sein, denn sie schaut mich so an als wäre ich...gut gelaunt. 

 

Es ist warm, die Sonne scheint und der Passatwind bläst - der Grund für ungemütliche letzte Flugminuten und meinen zwischenzeitlichen Missmut,  aber davon weiß ich eigentlich schon nichts mehr denn jetzt kann ich das Meer sehen.

Ich kann das dunkelblaue, unruhige Meer sehen und den hellblauen Himmel, nur unterbrochen von vorbeirauschenden weißen Wolken. 

Für meine Sinne ist das nahe an der Überdosis. Wir hätten uns nach mehreren Wochen grau in grau völlig damit begnügt, endlich wieder die Sonne zu sehen…aber jetzt bekommen wir das ganze Programm.

Ich kann nicht anders als zu grinsen, ich hoffe ich grinse nicht die ganze Zeit, obwohl das gerade sehr wahrscheinlich ist. Wir verbringen fast vier Stunden mit Warten auf verschiedene Busse bis wir an die 35 Kilometer entfernte Westküste der Insel gelangen, am Feiertag läufts hier eben auch ruhiger. Noch ruhiger.

„No pasa nada“, das macht garnichts…vier Stunden mehr Frühling! Wer gerade aus dem fränkischen Winter kommt und nur feucht-nass-schmuddel oder zu-warm-für-die-Jahreszeit oder Niesel-Kält-die-zieht-einem-überall-nei kennt, der saugt das einfach alles auf.

Die Farben, die Geräusche und die Luft – ich saug das einfach auf bis ich platz, denk ich mir und merk wie Sonja mich anschaut, den Kopf etwas schräg hält und die Augen leicht schliesst, womöglich kann sie so besser fokussieren und erkennen ob ich jetzt final abdrehe.

 

Kurz bevor wir Pantera sehen, werden wir sichtlich nervöser und als wir sie auf dem Shipyard entdecken, hangeln wir uns auch gleich ohne Leiter hoch an Bord.

Auf Deck ist alles was zersetzbar war, zersetzt und in alle Winde verstreut. Außerdem hat sich eine gleichmäßige Sandpatina über den gesamten Rumpf gelegt und unser Boot in eine Art Kokon gepackt.

Unter Deck ist die Zeit stehen geblieben, nichts wurde in den letzten Monaten bewegt oder verändert und so fühlt es sich gleich so an als ob wir gerade eben erst das Schloss zum Niedergang zugeschlossen hätten. Nur einige Kleinigkeiten erinnern uns daran, wie hektisch die letzten Minuten unseres Aufbruchs waren, doch das wird sich jetzt erstmal nicht wiederholen, denn die nächsten zehn Tage verbringen wir nahezu wie im Winter in Eibelstadt, wir reinigen den Rumpf, schrubben Deck, entrosten, lackieren und bringen neues Antifouling auf, entgraten den Propeller und dichten die Stopfbuchse neu…alles beim Alten, nur diesmal im T-Shirt und “diesmal mit weniger Stress“ höre ich mich sagen und Sonja greift zu den gravierten Gläsern. the Blood, the Sweat, the Tears...the Love.

Wir sind wieder da.

 

 

 

 

p.s. der Tracker sollte auch wieder laufen, cheers

7 Kommentare

Nur weng undicht

1 Kommentare

long Way home

Jetzt sind es plötzlich vier Monate. Vier !

Monate in denen ich auch immer wieder mal dachte: ich will mal was schreiben, oder ich sollte mal was schreiben.

 

Aber ich habe es einfach nicht geschafft. Keine Muse, keine Lust, keine Zeit.

Keine Zeit, selbstverständlich hat man hier einfach nie mal eben Zeit. Zeit nimmt man sich, die hat man nicht.

Es fühlt sich an wie ein anhaltender Konflikt, wie ein Krieg ohne scharfe Waffen. Ein Krieg gegen Alles und Jeden, das einem Zeit streitig macht. Auch wenn nicht scharf geschossen wird, gibt es hier unschuldige Opfer...in unserem Fall : der Blog.

 

Wir sind wieder hier, in Deutschland.

Wir waren im Februar einige Wochen zu Besuch hier und auch wenn ich es erst nicht wahrhaben wollte, standen unangenehme Entscheidungen an. Genauer : Geld und Gesundheit oder Gesundheit und Geld - consumers choice.

Diese beiden Pfeiler meiner und unserer Reise standen bei mir plötzlich in Anführungsstrichen.

Manche Probleme, vor allem Unausweichliche, erfordern schnelle und schmerzhafte Entscheidungen. Also trafen wir diese, packten Möglichkeiten beim Schopf und seit Mitte April sind wir wieder hier...ohne Meer, Wind und Wellen. Dafür mit stabileren Pfeilern.

 

Zuvor hiess es aber noch einen Hafen für Pantera zu finden und noch eher hieß es erstmal eine gute Zeit mit unseren zunächst letzten Besuchern auf Teneriffa zu verbringen: unserer Familie !

Und sie brachten genau die Leichtigkeit mit, die wir brauchten um nicht an die nahe Zukunft zu denken. Las Galletas, ganz im Süden, kam uns da gerade Recht und wir waren froh über ein paar Tage ohne viel Stress und Ungewissheit aber dafür mit viel wertvoller Zeit und schönen Erinnerungen.

 

Nachdem klar war, dass wir Pantera für einige Monate alleine lassen müssen, ging die Suche nach einem passenden Hafen los und nach einigem hin und her war klar, wo es hingehen sollte : la Palma - la isla bonita.

Und ja, auch wenn Madonna den Song (unter den Bildern, empfiehlt sich als Untermalung zu ebendiesen) nicht für die nordwestlichste der Kanareninseln gesungen hat, so hat uns doch gerade dieser Song durch die letzte Nachtfahrt gebracht. Wir hatten unfassbares Glück, als das Zeitfenster für die Überfahrt schon ziemlich eng gesteckt war, dass genau 4 Tage vor unserem Flug, der Wind auf Südost gedreht hat. Denn gegenan segeln und das zwischen Teneriffa und la Gomera.

Nicht lustig. No es divertido !

 

Und so war es fast bizarr, wie perfekt die letzte Überfahrt bis zur Nacht hin wurde. Gleichmäßiger Wind, wenig Wellen und allerlei Pilotwale und Tümmler, die nicht gerade am Salz für unsere offenen Wunden sparen als sie uns verabschieden.

 

Puerto Tazacorte an der Westküste la Palmas empfängt uns mit freundlichsten Marineros, gleissendstem Wetter und grünstem Küstenpanorama, dass wir hier bislang erlebt haben. Und trotzdem fühlen wir uns wie verwundet, als hätte man uns angestochen und wir laufen einfach so aus. Die letzten Tage funktionieren wir, lassen Pantera an Land heben, versorgen versorgungswürdige Stellen am Rumpf, motten alles ein und verräumen ein Jahr unseres Lebens. 

Als wir wirklich von Bord gehen ist da nichts mehr, wir sind leergelaufen. Wehmut bleibt.

 

Die Heimreise wird ein Kraftakt: Bus, Laufen, Shuttlebus, Fähre, Shuttlebus, Laufen, Bus, Laufen, Warten, Bus, Warten, Flugzeug, Shuttlebus, Zug, Zug, Zug, Zug, Auto und wir sind wieder hier.

Ohne Meer, Wind und Wellen und ohne Pantera...aber dafür mit Familie, Freunden und Heimat.

Und das gibt uns Kraft, bis es wieder weitergeht.

Januar 2018.

 

5 Kommentare

Ankern : kanarisch

Raus raus raus !

Endlich raus aus Las Palmas - großartig, nach zwei Monaten Stillstand.

Die Stadt erdrückt einen mit der Zeit, laut und großstädtisch ,zwar auch lebhaft und praktisch für vieles, eben aber nicht optimal um wieder richtig durchzuatmen...im wahrsten Sinne des Wortes.

Nach las Galletas auf Teneriffa solls gehen, diesmal um den Norden von Gran Canaria herum, insofern der Wind denn mitspielt. Anfangs fahren wir gegenan und mitten durch eine grässliche Kreuzsee bis wir an der Nordspitze der Insel ankommen und Segel setzen können.

Bei zahmen aber gleichmäßigem Wind schaukeln wir uns langsam den Tag über an die Westküste heran und beschliessen es heute dabei zu belassen und steuern Puerto de las Nieves bei Agaete an.

Wir können zwar weder über Telefon, noch über Funk irgendeinen Kontakt herstellen, entdecken aber kurz hinter der Einfahrt eine wunderbar geschützte Bucht - zumindest nach Norden hin und da der Wind die ganze nächste Zeit aus Nordosten kommen soll, wird hier jetzt geankert.

Schluss, Aus, Fertig.

Bei 5 bis 6 Meter tiefem Wasser und einem sandigen Boden mit vereinzelten Steinen, sollte das kein Problem sein...wir gehen sogar nochmal auf Nummer sicher und setzen den Anker, immer die Gute-Seemannschafts-Geißel im Genick, ein zweites Mal - dieses Mal streng nach Lehrbuch. Mit der Marille (unserem Beiboot) wird nochmal kurz durchs Hafenbecken gepaddelt, Fotos gemacht und nach etwaigen Gefahrenzonen geschaut. Nix.

Alles ruhig, Abendessen auf dem Vordeck und Sonnenuntergang inklusive.

 

Für die Nacht sind Windgeschwindigkeiten um die 10 Knoten vorhergesagt aber ich stelle trotzdem den Ankeralarm am GPS und mal zum testen auf dem Handy an, schadet ja auch nichts. Eine Stunde später bläst der Wind stabil bei 20 Knoten, die Ankeralarme an beiden Geräten habe ich schon mit größerer Toleranz versehen, da das ständige Warnsignal - weil wir eben nicht maximal wenig um den Anker herum zirkeln, nicht gerade zur Entspannung beiträgt.

 

Gerade als ich mich auch hinlegen will, fällt mir auf, dass ich jetzt schon eine ganze Zeit auf den Windmesser schaue und mich auch an die 30er Anzeige gewöhnt habe. Abwechselnd schaue ich auf die Anzeige, mein Handy und aus dem Cockpit mit einer Taschenlampe zu den nächsten Felsen...und als ich das letzte Luk zumache, sehe ich, wie unser Nachbar in seinem Katamaran genau das gleiche macht.

 

Wie dem auch sei, der Wind ächzt am Rigg rum aber der Anker gibt keinen Mucks von sich also leg ich mich hin. Jetzt.

Jeder kennt das , man hat irgendwann das letzte mal irgendwas nachgeschaut und irgendwann das letzte Mal zu sich selbst gesagt : das passt schon so ! Mehr kann ich jetzt eh nicht machen und ... ach, ich mach mich eh viel zu verrückt ...und und und...

Das Licht ist noch keine fünf Minuten aus, als mein Handy rebelliert. Zunächst glaube ich noch an einen falschen Alarm aber als die Bugkabine mit laut ruckendem Anker-schürft-über-den-Grund-Geräusch erfüllt wird, ist alles klar.

Wir hechten zurück an Deck und während ich den Motor starte, macht Sonja sich auf zum Ankerkasten. Der Wind hat nochmal deutlich zugelegt und pfeift wie verrückt durch die kleine Bucht, selbst für Gischtfahnen ist sich das zuvor wellenfreie Wasser nicht zu schade.

 

Obwohl wir beide schreien kommt wenig bei dem Anderen an - ich seh nur im Augenwinkel, dass der Nachbar schon auf dem Weg in den Fischerhafen ist und einen Anleger sucht. Bei solchem Wind und dementsprechend Zug am Anker können wir Ihn unmöglich bergen, zumal Sonja alleine vorne ist, während ich versuche den Kahn im Wind zu halten.

Irgendwann klappt das nicht mehr und wir werden gedreht, ab jetzt fahren wir volle Kraft rückwärts gegenan während Sonja die Ankerkette aufholt gegen Wind, Wellen und Pantera...eine viertel Stunde später etwa merke ich dass der Anker lose schwingt, genauso wie wir, denn wir machen einen ordentlichen Satz auf die Felsen zu.

Als Sonja wenig später ins Cockpit kommt, können wir endlich wieder kurz reden und ich sag noch so : " Boah was ist denn des jetzt ? Mir hatts grad ohne Witz sogar die Mütze vom Kopf gerissen...und ich mein, geht´ s Dir gut ? "

Sonja sagt nichts, sieht ziemlich geschafft aus von der üblen Ankeraufholaktion und schaut entgeistert über unser Heck - als ich ihrem Blick folge, sehe ich wie die Marille mit Rumpf nach oben hinter uns hergezogen wird. "Scheisse man, die war ja noch hintendran ! Egal , können wir jetzt eh nichts machen, sinken kann sie nicht " .

 

Den Plan zunächst rückwärts in den Fischerhafen zu fahren verwerfe ich und wir fahren eine der sportlichsten Motorwenden, die Pantera je vollführt hat. Dabei dreht sich Marille nochmals um die Längsachse und fährt wieder aufrecht , zwar mit ca. 300 Liter Wasser gefüllt aber aufrecht, hinter uns in den Hafen. Marille hat sich erfolgreich durchgekentert.

Der Katamaranskipper ruft uns im Vorbeifahren zu, dass es keine Moorings zum Festmachen gibt in dem Hafen und wir an Ihm anlegen sollen...und eine Wende später legen wir mit viel Geächze längsseits bei dem netten Spanier an. Es stellt sich heraus, dass er aus Alicante ist und glaubt unser Boot dort gesehen zu haben - der Name kam ihm so bekannt vor.

 

Später, als alles verräumt und die Marille über das Vordeck herausgewinscht war...und ich gerade die kleinen Schnapsgläser mit der Ankergravur und dem Panteraschriftzug aus dem Schapp hole, schaue ich nebenbei auf das Windlog und denke " joa stimmt, die Mütze hatts  mir tatsächlich noch nie vom Kopf gerissen ", denn da standen 42 Knoten auf der Anzeige.

 

 

 

 

 

 

*Aktuell 10. April 2017

Wir machen uns jetzt gerade auf den Weg nach Tazacorte auf la Palma um Pantera ins Dry Dock zu bringen, warum ,wieso und wie lange gibts im nächsten Eintrag

 

 

4 Kommentare

la Gomera

Wer weniger Lust auf eine Seefahrtsanekdote aus aktueller Zeit hat klickt hier  :

 

Knapp drei Stunden sind wir jetzt unterwegs auf See und aus den vorhergesagten Windgeschwindigkeiten von um die 15 Knoten, sind mittlerweile durchgehend 25 geworden. Die Südspitze Teneriffas haben wir schon hinter uns gelassen und der achterliche Wind schiebt uns mit zackigen 7 Knoten auf la Gomera zu...zumindest laut Navi und Kompass, denn von der Insel selbst sieht man noch nichts und das obwohl wir nicht einmal mehr 15 Seemeilen entfernt sind.

Nichts zu machen.

Die Calima, ein starker Südostwind, bringt reichlich Sand aus der Sahara mit und reduziert die Sicht auf die Nachbarinseln drastisch und blickt man zum blau-braunen Himmel hoch, wirkt es als hätte man eine Sonnenfinsternisbrille auf. 

Eine Schicht aus Sand hat sich hoch über uns gelegt und gibt diesem Tag einen unwirklichen, dumpfen Rahmen.

Fast eine Woche hatten wir im Hafen von San Miguel ausgeharrt und gehofft, dass wir endlich los können aber Wind, Wellen und Sand haben uns bestmöglich an die Kette gelegt. Jetzt aber war unsere Zeit gekommen, ein ein- bis zweitägiges Fenster in denen es moderater zugehen sollte...aber Wettervorhersagen auf den Kanaren, naja das hatten wir schon.

Während der Wind sich jetzt langsam auf 30 Knoten einpendelt, lassen sich die Wellen auch nicht länger bitten und tanzen mit. Die ersten Schaumkronen haben wir schon vor einer Stunde beobachtet, mittlerweile bilden sie bei Böen kleine Gischtfahnen, die wie winzige Jetstreams dem Wind hinterher zischen.

Der Anblick fasziniert, denn er setzt sich bis zum heute sehr nahen Horizont fort und begeistert durch tausendfache Wiederholung. Lange lässt er sich jedoch nicht geniessen, zu sehr reissen die nahen, unmittelbaren Wellen die Aufmerksamkeit an sich. Pantera stampft die Berge und Täler rauf und runter und lässt sich nicht beirren, spülen uns die Wellen ja in die richtige Richtung und ihr Heck schafft zuverlässig jeden Anstieg. Ich frage mich wie hoch die Wellen mittlerweile sind, ich schätze zwischen 2 und 3 Metern...oder mehr oder weniger.

Aber wie soll das eigentlich gehen - wie soll man denn mittendrin auch nur annähernd eine vernünftige Schätzung machen während sich absolut alles um einen herum bewegt. Konnte ich noch nie verstehen, wenn andere Segler mir gegenüber felsenfest behaupteten sie hätten hier und da 6, 8 oder 10 Meter hohe Wellen gehabt. 

Eigentlich gibt es nur zwei Typen von Wellen, welche die noch gehen und welche die halt einfach nicht mehr gehen, ganz einfach eigentlich. Digital. 1 und 0. Herrlich, denke ich und drehe mich unvermittelt um.

Ich weiß nicht woran das genau liegt, aber man spürt wenn eine Welle plötzlich größer ist als die anderen oder es liegt daran dass sie sich am äussersten Blickfeldrand ankündigt und das Unterbewusstsein sofort den Kopf rumreissen lässt. Ich kannte das aus dem Golf von Lyon und jetzt passiert es wieder...ganz klar, da kommt ne 0 spür ich mich noch denken.

Sagen hör ich mich nur : " ok ...die packen wir nich mehr " .

Lars und ich ziehen die Köpfe ein aber das ist reine Kosmetik (zum Thema Bartkosmetik bitte hier entlang), die Welle trifft uns leicht seitlich am Heck und bricht auf Höhe der Reling und duscht uns einmal durch. Gut, dass ich meinem Gefühl folgend, natürliche Hafenklamotten trage und diese der Hochseedusche quasi null entgegenzusetzen haben. 0 . Digital !

Sonja war gerade unter Deck und ich gehe runter und will nachschauen ob alles in Ordnung ist und auch mal was seetaugliches anziehen. Unterbewusst geht mir ein Text durch den Kopf, der mir in solchen Momenten immer durch den Kopf geht :

Statistisch gesehen kummuliert angeblich jede 10. Welle und ist ein wenig höher als die anderen - genauso dann jede 100. und dann jede 1000. und so weiter und so weiter. Dazu muss natürlich der Wind eine gewisse Zeit lang aus der selben Richtung kommen und das ist ja auch nur statistisch ... und dann : BÄM !

Ich seh noch, wie unter Deck die Backbordseite in dunkelblau versinkt und dann knallts. Zuerst denke ich, wir müssen etwas gerammt haben so sehr wie das gewummert hat und der Vibration zur Folge, die da durchs Schiff ging. Aber als ich mich umdrehe und ins Cockpit schaue sehe ich nur wie Lars, zwar deutlich nasser als noch zuvor, angestrengt aber durchaus mit einer Art Grinsen im Gesicht das Ruder festhält.

Wir kommen darin überein, dass das wohl auch eine war "...die halt nimmer geht" und verbringen die restliche Zeit bis Gomera im Cockpit, von jetzt an voll hochseetauglich ausgerüstet.

 

Wir sind froh, als wir den ersten großen Wellenbrecher von San Sebastian passieren und zelebrieren unsere Ankunft sichtlich erleichtert und schildern uns gegenseitig wie jeder einzelne die Brecher erlebt hat.

 

Passiert ist weiter nichts, es blieb bei den zwei Brechern. Unter Deck war so ziemlich alles verwüstet aber das war nicht das erste Mal. Ähnlich große Wellen hatten wir im Golf von Lyon schon einmal, nur keine 100er oder 1000er. Der Wetterbericht auf den Kanaren war auch nicht das erste Mal zu wohlwollend mit dem Wind und wir waren auch nicht das erste Mal so froh im Hafen zu sein...aber es war das erste Mal dass die Wellen derart durchs Cockpit sind und definitiv das erste Mal das Gefühl einen Wal gerammt zu haben.

Aber, dass Pantera mehr abkann als wir, das war nicht das erste Mal.

 

 

La Gomera ist zunächst mal so ganz anders als es die großen Kanareninseln sind, die zweitkleinste Insel des Archipels ist ruhiger, grüner und steiler als alle bisherigen Inseln. Und unter ruhiger kann man auch verstehen, dass Deutsche eben nicht zu den redseligsten Völkern gehören.

Die Insel ist bei Wanderern (und das deutsche Volk, das wandert gern) unglaublich beliebt und das auch zu Recht, denn was uns kurz vor Silvester bei der Gipfelwanderung und dem Abstieg ins Valle Gran Rey tags darauf geboten wird, ist atemberaubend.

Die Natur steckt hier mittendrin in den Frühlingsvorbereitungen - was blühen kann, blüht und was grünen kann grünt, so dass es schwer fällt nicht den ganzen Marsch über ein Grinsen im Gesicht zu tragen. Da der Südwind weiter zunimmt beschert uns das dazu einen wolkenlosen Himmel über dem Lorbeerwald. Unwirklich.

 

Je näher wir dem Gipfel kommen, umso mehr Menschen begegnen uns und schnell gewöhnen wir uns daran, ausschliesslich in deutsch gegrüsst zu werden und so lässt auch das erste "Servus" nicht lange auf sich warten - unsererseits. Einzig die Markierung am Gipfel, lässt ihn uns als solchen erkennen - so wenig setzt er sich von den anderen Erhebungen ab, aber von hier sehen wir nun deutlich el Hierro und la Palma. Leider wird auch immer klarer, dass der Wetterbericht dieses Mal zutrifft und wir kurzfristig Hierro nicht erreichen werden, wir bewegen uns auf Windstärke 9 zu und keiner empfindet echten Antrieb raus auf See zu fahren.

 

Wir verbringen die Nacht in dem kleinen Örtchen las Hayas, geniessen kanarische Gastfreundschaft und mit Gomeron, den womöglich gruseligsten Schnaps, der je gebrannt wurde. Am nächsten morgen sind wir sichtlich erfreut und überzeugt von der kanarischen Hausbauweise. Der Wind hat weiter zugelegt und schon so den ein- oder anderen Zweifel genährt...ob das Gasthaus das wirklich aushäl...ach lassen wir das.

 

Strahlend blau auch heute und nach wenigen Abstiegsmetern sind wir im Windschatten. Jetzt kommen die Eindrücke von allen Seiten. Das grün hier leuchtet und wird nur abgelöst von anderen leuchtenden Farben. Rot , Orange, Lila oder alles gemischt - dazwischen Früchte, überall Früchte und kleine Felder mit Kartoffeln, Gurken, Erdbeeren...und was weiß der Herr noch alles. Es ist unglaublich, welch ein Potential hier aufgrund von Lage und Klima für die Natur oder für den Gärtner herrscht.

Es blüht und reift hier einfach das ganze Jahr lang alles, also wenn hier jemand Lust auf so nen bischen Garten hat, dann ... organisiert er sich mal lieber. Weil sonst : macht einen der eigene Garten hier fertig, aber halt so richtig!

Ohne Excel-Tabelle, to-Do-Kalender für jeden Tag und regelmäßigen Meetings zum Stand der Dinge, seh ich hier keine Chancen selbst ohne Sommer- oder Winterurlaub oder überhaupt auch nur einem Tag frei. Der Garten, auch wenn er nur 20 oder 30 Quadratmeter hat, ist wohl noch ganz zahm wenn man das erste Mal aussäht und alles vorbereitet und so weiter...und dann macht er einen fertig !

Kartoffeln müssen raus, Erdbeeren geerntet werden (täglich), die Passionsfrucht beschwert sich auch schon und dann ist ja auch noch dieser Kürbis, ogott dieser Kürbis - wohnt mittlerweile zur Untermiete beim Nachbarn, weils einfach nicht mehr anders geht und bald kann man den sowieso nicht mehr ernten, denn wenn das so weitergeht muss ich die Feuerwehr rufen sonst blockiert er die Straße auch noch und Ogotottogottogott !!!

 

Wahnsinn alles hier...Garten müsste man haben.

 

Auf den letzten Kilometern zum Strand, wandern wir durch einen kleinen Bambuswald und irgendwie schleicht sich Jimi Hendrix ins Unterbewusstsein - klar, das ist Klischee und eigentlich viel zu überladen aber es passt unglaublich gut. Dieser Ort bzw. dieses Tal war einst ein absoluter Geheimtipp der Hippiegeneration, wurde dann zum Hype und schliesslich vergessen. Die Zeiten und die Menschen hatten sich geändert, viele Ziele und Ideale gingen verloren und übrigblieb eine hübsche, wenn auch leere Hülle.

Gelegentlich sieht man sie noch, die Hippies - Originale von damals und Replikate von heute und auch die Ideale blitzen manches Mal durch, mit Malereien und Sprüchen an Häuserwänden oder in den kleinen Läden mit dem selbstgemachten Schmuck. Überbleibsel einer ganzen Generation, die alles ändern wollte ... und ja, vielleicht auch einiges geändert hat.

Die Revolution blieb zwar auch hier aus, denn jetzt bevölkern unzählige Touristen jeden Tag das Tal und die Strände, deutsches Hefeweissbier hat es auch in den Westen la Gomeras geschafft, genauso wie deutsche Aussiedler, die uns kernig und bestimmt darauf hinweisen im Bus bloß nichts zu essen , denn sonst würde uns der Busfahrer aus dem Bus werfen !!

Und dennoch : dieser Ort und dieses Tal versöhnt mit all dem Ballast, den der Mensch hierher mitgebracht hat und mitbringt...er hatte keine Revolution nötig um ein besserer Ort zu werden und ganz sicher hat er auch nicht meine Einschätzung nötig um ein bessere Ort zu sein, aber er stimmt uns friedlich denke ich mir, trinke einen Schluck vom Hefeweissbier und bilde mir ein ich hätte soeben ein schwimmendes Einhorn gesehen.

Wunderbar.

 

 

 

4 Kommentare

Frohes Neues

7 Kommentare